Aufsatz 
Ein Beitrag zur Don Juan-Literatur / von O. Schädel
Entstehung
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Sorgen und Mühen erholte ſich Don Miguel durch einen gelegentlichen, der ſtillen Betrachtung gewidmeten Aufenthalt fern dem Schauplatz ſeiner Thätigkeit. Je beſchränkter aber bei ſeiner mangelhaften Schul⸗ bildung ſeine litterariſchen Hilfsquellen waren, um ſo gründlicher vertiefte er ſich in die wenigen Gegen⸗ ſtände ſeines Intereſſes. So vor allen in denjenigen, der ſchon die Phantaſie des übermütigen Jünglings beſchäftigt und den ihm hierauf die Schule des Lebens doppelt nahe gelegt hatte: Die Betrachtung der letzten Dinge. Je mehr ſich aber ſein Körper in der Fürſorge für die leidende Menſchheit und ſein Geiſt durch die Aufregungen eines hochgeſpannten Seelenlebens aufbrauchte, um ſo mehr trat bei ihm der Gedanke an den Tod in den Vordergrund. In ſeinem dreiundfünfzigſten Lebensjahre wurde ſeine Sehnſucht nach dem Tode geſtillt. Seinem Wunſche gemäß wurde er vor der Schwelle der von ihm wieder hergeſtellten Kirche beerdigt, damit jeder wie er in übertriebener Beſcheidenheit ſeinen ſeltſamen Wunſch begründetedie Gebeine dieſes ſchlechteſten der Menſchen mit Füßen trete. Noch heute iſt jene Inſchrift vorhanden.

Es muß auffallen, wie Don Miguel eine bis an die Grenzen der Schroffheit gehende Energie und Conſequenz in der Ausübung ſeiner religiöſen Pflichten mit einer außerordentlichen Weitherzigkeit in ſeinen religioͤſen Anſchauungen zu verbinden wußte. Derſelbe Mann, der für ſeine eigene Perſon ſich den härteſten Forderungen ſeiner geiſtlichen Vorgeſetzten ſchweigend unterwarf, ſcheute vor jedem Drucke Andersgläubigen gegenüber zuruͤck, und verwarf vollends die jener Zeit ſo geläufigen draſtiſchen Mittel, auf anderer Leute Anſchauungen einzuwirken. So wie ſein Biograph, P. Juan de Car denas S. J. nach den Memoiren Don Miguels mitteilt wurden einſt 24 andersgläubige Engländer von ihm in dem Hoſpitale aufgenommen. Er befahl nun den Brüdern, nichts mit ihnen über religiöſe Dinge zu verhandeln, ſondern ſie mit Liebe und Freundlichkeit zu pflegen. Der Biograph fügt mit Recht hinzu, daß dieſer Beweis praktiſchen Chriſtentums jedenfalls von größerer Wirkung als alle dog⸗ matiſchen Erörterungen war. In einer Zeit und in einer Umgebung, welcher der Fanatismus nicht fern lag, tritt die Erſcheinung eines Mannes, der ſo die ſchlichten Grundwahrheiten des Chriſtentums zur Richtſchnur ſeines Lebens machte, doppelt leuchtend hervor. Sie genügten ihm, und er überließ es anderen, ſich in jene ſubtilen dogmatiſchen Probleme zu vertiefen, die ſeltſamer Weiſe von jeher mit um ſo größerem Eifer gepflegt worden ſind, je weniger, nach dem Zeugnis der Geſchichte, Wiſſenſchaft und Moral ſich von ihrer Pflege zu verſprechen haben. Seine Beſchäftigung mit eschatologiſchen Fragen, die ſich wie wir ſahen aus ſeinen perſönlichen Erlebniſſen hinreichend erklärt, iſt nur als die harmloſe theologiſche Liebhaberei eines Dilettanten aufzufaſſen. Das Werklein, das die Frucht dieſer Studien iſt, ſei uns geſtattet, in ſeinen Grundzügen in dem Folgenden wiederzugeben. Ohne eine Kenntnis desſelben würde dem Bilde Don Miguels ſein eigentümlichſtes Gepräge fehlen. Wir können uns, da wir des ſpaniſchen Originals nicht habhaft werden konnten, dabei leider nur auf die franzöſiſche Ueberſetzung desſelben von Latour beziehen.

Die Grundwahrheit des Lebens, ſo argumentiert er, iſt die Erkenntnis, daß wir Staub und Aſche ſind. Wahres Leben herrſcht alſo nur da, wo man ein gutes Leben führt, denn das Leben an ſich hat ja keinen Wert, da es Menſch und Tier gemein iſt; gut zu leben verdient allein Lob. Bedächteſt du doch, o Menſch, daß die Augen, die jetzt dieſe Zeilen leſen, einſt in der Erde ruhen werden, daß die⸗ jenige, die dich auf Erden am meiſten liebt, ſich einſt vor dir entſetzen wird! Das Schlimmſte iſt ja die Sicherheit, mit der du dahinlebſt. Und doch, wenn man dir ſagte, daß einer deiner Diener dir einſt das Leben nehmen würde, würdeſt du ihm mißtrauen: Nun gut, die ſieben Tage der Woche ſind deine Diener und dennoch mißtraueſt du ihrer keinem. Wenn dir aber endlich die Einſicht kommt, ſo haſt du der Welt das beſte bereits gegeben und Gott bieteſt du ein gebrechliches Alter an, weil die Welt es nicht haben mag. Was alſo die Welt verſchmäht, ſoll Gott als ein angenehmes Opfer hinnehmen? Wer ſich vornimmt, ſich in der elften Stunde zu bekehren, gleicht dem Verbrecher, der erſt auf der Folterbank bekennt, dadurch aber die Strafe nur verſchärft, anſtatt ſich von ihr loszukaufen. Gott iſt ja doch das natürlichſte Ziel unſeres Strebens. Willſt du alſo deine unerſättliche Luſt mit den Schätzen dieſer Welt ſtillen, ſo könnteſt du ebenſo gut einen Löwen mit Gras ſättigen. Gott hat jedem Dinge ſein Geſetz gegeben: deiner Seele hat er den Himmel zum Mittelpunkt geſetzt. Aber die Luſt dieſer Welt läßt uns dies Ziel aus den Augen verlieren. Dieſer irdiſche Sinn verkehrt die einfachſten An⸗ ſchauungen und Begriffe. Die Welt hat ſogar ihre eigene Sprache, ihr eigenes Wörterbuch. So nennt ſie einen Menſchen, der viel beſitzt, reich, ohne daß er es wäre, denn nicht er beſitzt ſeinen Reichtum,