4 ſondern ſein Reichtum beſitzt ihn. Sie nennt den Raufbold ſtark, allein er iſt ſchwach, denn ſeine Leidenſchaften beſiegen ihn..
— Es giebt nur einen Königsweg zum Himmel: durch Leiden hindurch. Allein der Weg nach der Stadt auf dem Berge iſt ſteil. Deshalb ſucht jeder auf dem Marſche ſich ſeiner Laſten zu entledigen; ja, der König wirft ſeine Krone und der Reiche ſeine Schätze hin. Die Armen werden leicht empor erklimmen, die Schätzebeladenen nicht. Dieſem Berge gegenüber liegt ein anderer. Dort thront nicht Gott, ſondern Luzifer; dorthin ſtreben: die Mauren mit ihren ſchändlichen Laſtern, die Juden mit ihrer Geldgier, die Ketzer mit ihren Spitzfindigkeiten, die Heiden mit ihrem Götzendienſt. Welch ein Anblick: Die Geizigen, ihren Schätzen den Rücken kehrend, denn ſie ſchauen immer noch nach mehr aus— die Sinnlichen im Schlamm verſunken— die Ehrgeizigen einander zerfleiſchend— die ſchlimmſten aber ſind die falſchen Propheten— die Heuchler. Und nun, lieber Leſer, wähle! Aber wählen mußt du, und deine Wahl iſt eine völlig freie. Gebe Gott dir das rechte Urteil!“
— Wir haben in der vorausgehenden Skizze die wichtigſten Gedanken der etwas breit angelegten Abhandlung in möglichſt knapper Form wiederzugeben verſucht, ohne doch auf die möglichſt getreue Wiedergabe des Zuſammenhangs, ſowie der originellſten Bilder und Apoſtrophen zu verzichten. Man ſieht, die Abhandlung Don Miguels iſt mit dem Herzblut des Verfaſſers geſchrieben. Sie iſt das Thema ſeines ganzen Lebens. Und was er hier litterariſch behandelt, iſt der mannigfach variierte Gegenſtand künſtleriſcher Darſtellung der von ihm wiederhergeſtellten Kirche. Mit kraſſem Realismus tritt uns auch dort die Erinnerung an das Ende in den Darſtellungen eines Murillo und Valdes Leal entgegen. Es darf uns nicht wundern, wenn Don Miguel bei der ihm eigenen Schroffheit wie in dieſen Kunſt⸗ werken ſo in jener Abhandlung die Linie des guten Geſchmackes nicht immer eingehalten hat. Übrigens ſtellen ſich jenen draſtiſchen Bildern in der Darſtellung der Leiden der Verdammten verwandte Züge in Dantes Hölle ¹) zur Seite, wie denn der hohe Flug der Gedanken und der eindringliche Ernſt an mancher Stelle an die großen Kanzelredner des Zeitalters Ludwigs XIV. erinnert. Beſonders aber berührt er ſich mit Boſſuet, welchen, gleich Don Miguel, ſein Feuereifer oft die Quellen vollendeter Schönheit finden, oft aber auch in arge Geſchmackloſigkeit verfallen ließ. ²)
II.
Nachdem wir ſo das Denkwürdigſte aus dem Leben des— um ihn ſo zu nennen— hiſtoriſchen Don Juan kennen gelernt haben, wenden wir uns zu derjenigen dramatiſchen Bearbeitung des Stoffes der Sage, die den meiſten ſpäteren Don Juan⸗Dramen zur Grundlage gedient hat. Es iſt dies„Der Verführer von Sevilla von Tirso de Molina.“ Der Verfaſſer, Gabriel Tellez, deſſen Dichtungen unter dem obigen Namen auf uns gekommen ſind, war vermutlich um 1570 zu Madrid geboren, trat um das Jahr 1620 ins Kloſter und ſoll 1648 als Prior des Kloſters Soria geſtorben ſein. Wir geben zunächſt einen Überblick über den Inhalt des Stückes ſelbſt, indem wir als Einleitung einige Bemerkungen über den Geiſt der ſpaniſchen Litteratur, ſpeziell der poetiſchen, und ihr Verhältnis zu der Geſchichte des ſpaniſchen Volkes vorausſchicken.
Als Spanien unter Ferdinand und JIſabella, unter Karl V., zum Teil auch unter Philipps II. Regierung auf dem Höhepunkt ſeiner politiſchen Machtentfaltung ſtand, beſaß es zugleich in ſeiner religiöſen Einheit eine mächtige Schutzwehr gegen innere Wirren, wie ſie Frankreich in den Hugenotten⸗ kriegen, Deutſchland während des dreißigjährigen Krieges und England im ſechzehnten und ſiebenzehnten Jahrhundert heimſuchten. Größe nach außen, Frieden im Innern— dieſe Vorbedingungen einer gedeihlichen Pflege der Wiſſenſchaft und Kunſt erfüllten ſich damals für Spanien, wie für England unter Eliſabeth, für Frankreich unter Ludwig XIV. Wenn nun auch die großen Namen der ſpaniſchen Litteratur thatſächlich erſt nach dieſer Periode ſeiner größten Herrſcher auftraten, zu einer Zeit wo der
¹) Man vergleiche die Schilderung der Leiden der in tiefen Schlamm verſunkenen Schlemmer bei Dante(Inf. Geſ. 6) und bei Don Miguel de Man.(Latour, vie de Don M. de M. p. 113.)— Gleiche Quelle oder rein zu⸗ fällige Uebereinſtimmung in der poetiſchen Ausmalung des allegoriſchen Begriffes des Sündenpfuhls? Für die letztere Annahme ſpricht der Umſtand, daß der bildliche Ausdruck der in Laſter„verſunkenen“ Menſchheit nahe genug liegt; immerhin erinnert die ins Einzelne gehende Ausmalung der Qualen der Verdammten und beſonders die Ueberein⸗ ſtimmung zwiſchen Verbrechen und Strafe an die analoge Behandlung bei Dante. Daß Don M. de M. aus dem italieniſchen Dichter direkt geſchöpft habe, iſt natürlich ausgeſchloſſen.
²) Vergl.: Edm. Scherer, Etudes sur la littérature contemporaine, VI. p. 255,256. Mehrere ſehr draſtiſche Beiſpiele, die ebenfalls die Schrecken des Todes behandeln.


