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Stern Spaniens zu ſinken begann, ſo wurde dennoch der Charäkter jener Litteratur durch die voraus⸗ gehende politiſche und religiöſe Blütezeit bedingt und beſtimmt. Ohne die Erinnerung an dieſe ſeine große Vergangenheit würde die ſpaniſche Litteratur nicht jenes für ſie ſo charakteriſtiſche, in ſich ſelbſt abgeſchloſſene nationale und religiöſe Gepräge erhalten habe.— ReligiCös iſt dieſe Litteratur. In keinem Lande war das Chriſtentum mit der geſammten Weltanſchauung der Nation— mit ihren hiſtoriſchen Erinnerungen wie mit ihren bleibenden Idealen— ſo innig verwebt wie in Spanien. Die Einheit des Landes war das Werk des Glaubens, und die Kirche, die im Kampfe gegen die Mauren und Juden und die Reformation jene Einheit hatte begründen helfen, nahm ſich auch der Zukunft ihres Werkes thatkräftig an. Doch war die Entwickelung der Litteratur nicht nur mittelbar, ſondern auch unmittelbar durch den Einfluß der Kirche bedingt.„Die ſchöne Litteratur— ſagt Schack ¹)— ward ein Zufluchts⸗ ort für das Genie, das ſich auf anderen Gebieten eingeengt fühlte.— denn, war die Dichtkunſt auch im Allgemeinen in denſelben Kreis gebannt, der die Geiſtesfreiheit der Nation überhaupt beſchränkte, ſo ſtand hier doch innerhalb jener Grenzen ein unendlich freier Spielraum offen.“ Ferner war die ſpaniſche Litteratur eine nationale. England und Spanien war es beſchieden, eine ſolche Litteratur, und zwar ſpeziell auf dem Gebiete des Dramas, hervorzubringen. Fremder Einfluß war für ihre Entwickelung nicht beſtimmend. ²) Geſchichte und Sage des Volkes, als Spiegelbild des Geiſtes der Nation, war die Fundgrube ſeiner Dichtung. Dies Zurückgehen auf„die volkspoetiſche Tradition und deren Fortbildung“ bildet den Keim der klaſſiſchen Poeſie Spaniens. Doch bedeutet dieſe Unabhängigkeit der klaſſiſchen Litteratur des Altertums gegenüber keinen Gegenſatz zu derſelben. Denn„Kunſt und Natur ſind— wie Eichendorff ³) in geiſtreicher Weiſe ausführt— glücklicher Weiſe keineswegs ſo ſcharf geſchieden; beide ſind vielmehr nur der Unnatur entgegengeſetzt, welche aber ebenſo durch geregelte Künſtelei als durch Uebertreibung und ein verwildertes Sichgehenlaſſen erzeugt wird.“
In dieſem Sinne kann man alſo eher von einem Gegenſatz des klaſſiſchen ſpaniſchen Dramas und dem unter dem Banne der mißverſtandenen Theorie von den drei Einheiten ſtehenden franzöſiſchen Drama, als von dem des ſpaniſchen und des antiken ſprechen. Blieb nun aber die ſchöne Litteratur Spaniens einerſeits von der Reformation, anderſeits von der erdrückenden Einwirkung der Renaiſſance unberührt, ſo kann man wohl ſagen, daß das Thema der mittelhochdeutſchen Dichtung in ihr fortlebte: Um den Preis Gottes und des Weibes und um die Lehenstreue— um Religion, Liebe und Ehre bewegte ſich die geſammte Dichtung. So weit über den Geiſt der ſpaniſchen Dichtung im Allgemeinen. Nun zu Tirſos Drama. ⁴)
„— Unter dem Schutze der Dunkelheit weiß Don Juan ſich in dem königlichen Palaſt zu Neapel Iſabellen, die ihn mit ihrem Geliebten, dem Herzog Octavio, verwechſelt, zu nähern.
Von den Wachen überraſcht, verſucht er zu entfliehen, wird aber ergriffen und vor ſeinen Onkel, den ſpaniſchen Geſandten, geführt. Nachem er die Verzeihung des allzu nachſichtigen Onkels erlangt hat, wird er von ihm aus der Stadt geſchafft, während der mittlerweile auftretende König, von dem Onkel über den wahren Sachverhalt getäuſcht, den Befehl zur Verhaftung des gänzlich ſchuldloſen Herzogs Oktavio gibt. Der Geſandte, mit der Vollziehung des Befehls vertraut, überredet den über die ver⸗ meintliche Treuloſigkeit ſeiner Iſabella troſtloſen Herzog, ſeinerſeits die Flucht zu ergreifen, um der Verhaftung zuvorzukommen. Auf dieſe Weiſe wird dieſe für den Geſandten höchſt mißliche Angelegenheit bis auf Weiteres erledigt.— Die nächſte Szene, die— wie die ganze folgende Handlung— in Spanien ſpielt, eröffnet mit einem lieblichen Idyll. Am Merresufer, ihrer friedlichen Beſchäftigung nachgehend, ſingt die Fiſcherin Tisbea in einem jener dem ſpaniſchen Drama ſo geläufigen, lyriſch ge⸗ haltenen Monologe das Lob der Natur und der Freiheit ihres von der Liebe Qualen noch unberührten Herzens, ohne zu ahnen, wie bald ſich ihre Überhebung ſtrafen ſolle. Plötzlich ſieht ſie zwei Männer ſich aus einem Schiffe, das vergeblich gegen die hochgehende Brandung ankämpft, ſtürzen und dem Ufer zuſchwimmen. Dort angelangt legt der eine den von ihm geretteten, angeblich halb entſeelten Genoſſen der Fiſcherin zu Füßen. Dieſer erwacht und gewinnt ſofort— denn es iſt kein anderer als Don
¹) Geſch. d. Dram. Kunſt u. Litteratur in Spanien, II, 18.
²) Die innere und äußere Einheit der Nation, die ſich auf natürlicher Grundlage organiſch entwickelt hatte, bot der Renaiſſance einen Damm, den dieſe nur vorübergehend zu erſchüttern vermochte.
²) Zur Geſchichte des Dramas p. 65.
⁴) Ochga, Coleccion èc., ſowie„Spaniſches Theater, herausgegeben von Moriz Rapp“. Hildburghauſen 1870
Band V. Überſetzung von L. Braunfels.


