Aufsatz 
Ein Beitrag zur Don Juan-Literatur / von O. Schädel
Entstehung
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V.

Wenden wir uns nun zu der Betrachtung der kritiſchen Wendung in dem Leben der ver⸗ ſchiedenen Don Juan⸗Geſtalten. Was zunächſt die hiſtoriſche Figur Don Miguels anbetrifft, ſo iſt deſſen plötzliche Bekehrung ein Ereignis, wie es in dem Leben impulſiver Naturen wohl einzutreten pflegt. Eine unerwartete Wendung ihres Geſchickes und mit derjenigen Gewaltſamkeit, die allen ihren Hand⸗ lungen eigen, geben ſie ihrem Leben fortab eine neue Richtung, um dieſe dann mit derſelben Beharr⸗ lichkeit innezuhalten, die ſie bisher in der Verfolgung oft unwürdiger Ziele bewieſen haben. Die Kirchen⸗ geſchichte kennt Beiſpiele dieſer Art genug. Eine entſprechende Behandlung ſeitens des Dichters würde alſo durchaus nicht gegen die hiſtoriſche Wahrſcheinlichkeit verſtoßen haben. Allein den Geſetzen der dramatiſchen Kunſt entprach ſie nicht. Ganz abgeſehen davon, daß das Leben eines von der Welt abgekehrten Menſchen kein Vorwurf für das Drama iſt, deſſen Aufgabe darin beſteht, uns ein Bild des Lebens zu entrollen, ſo iſt es um die pſychologiſche Motivierung einer ſolchen Bekehrung eine mißliche Sache. Sind die letzten Gründe einer Sinnesänderung dem Bekehrten ſelbſt oft nicht gegenſtändlich, wie viel weniger werden ſie es dem Dichter ſein. Durch eine ſolche, nicht genügend motivierte Bekehrung würde alſo der Charakter des Helden mit einer unbegreiflichen Inconſequenz abſchließen, ein Fehler, den Leſſing mit den Worten rügt: ¹)Nichts muß ſich in den Charaktern widerſprechen; ſie müſſen immer ſich ſelbſt ähnlich bleiben; ſie dürfen ſich jetzt ſtärker, jetzt ſchwächer äußern, nachdem die Umſtände auf ſie wirken; aber keine von dieſen Umſtänden müſſen mächtig genug ſein können, ſie von ſchwarz auf weiß zu ändern. Und ferner: ²) Ich leugne nicht, daß bei alle den Widerſprüchen, die uns dieſen Soliman ſo armſelig und verächtlich machen, er nicht wirklich ſein könnte. Es gibt Menſchen genug, die noch kläglichere Widerſprüche in ſich vereinigen. Aber dieſe können eben darum keine Gegenſtände der poetiſchen Nachahmung ſein. Es gibt aber noch eine Löſung des Knotens. Dieſelbe entſpricht wenn nicht der hiſtoriſchen Wahrheit ſo der poetiſchen Gerechtigkeit. Dieſe Löſung liegt bei Tirſo und Molière vor. Hier büßt der Held in conſequenter Durchführung ſein ſchlimmes Leben mit einem ſchlimmen Tode. Jenes hoch geſpannte Selbſt⸗ bewußtſein, das ihn ſelbſt angeſichts des Todes nicht verläßt, iſt ſogar einer der wenigen rettenden Züge in dem Charakter des ſonſt abſolut verächtlichen Don Juans jener Stücke: Ein abſolut verächtlicher ebenſo wie ein abſolut vollkommener Charakter iſt aber für das Drama, das uns Menſchen unſeres Schlages vorführen ſoll, bekanntlich nicht verwendbar. So ſehr alſo Don Juans Bekehrung von religiöſem Standpunkte aus wünſchenswert erſcheinen mag, von dem der poetiſchen Gerechtigkeit aus iſt ſie es nicht. Dennoch hat Zorrilla jene von Leſſing verworfene Wendung dramatiſch zu verwerten geſucht. Auch in ſeinem Drama wie in Göthes Fauſt ertönt jenem flehenden Rufe des in elfter Stunde reuigen Sünders:

Ihr Engel, ihr heiligen Scharen,

Lagert Euch umher, mich zu bewahren! das Donnerwort Iſt gerichtet. entgegen. Doch auch hier wird dies Wort durch die erlöſende Stimme von oben übertönt. Und zwar vollzieht ſich bei Zorrilla dieſer Sieg des guten Elementes über das böſe in eben ſo raſcher Folge wie in Fauſt. Ob es ſich dabei für Zorrilla um eine unbewußte oder eine bewußte Reminiscenz handelt, bleibe dahingeſtellt. Übrigens ſcheint auch de Wilde auf gleicher Fährte mit uns zu ſein, wenn er als Motto ſeiner Überſetzung jenes Wort des 2. Teiles des Fauſt:

Das Ewig Weibliche

Zieht uns hinan wählt. Durch eine weitere Verquickung der Don Juan⸗Sage mit der Fauſtſage lehnt ſich, wie man ſieht, der Schluß der Zorrilla'ſchen Dramas nicht nur an den des erſten, ſondern auch an den des zweiten Teils des Fauſt an. Auch bei Zorrilla klingt das Drama in den Jubelruf aus:

Gerettet iſt das edle Glied

Der Geiſterwelt vom Böſen.

Und hat an ihm die Liebe gar

Von oben teilgenommen,

¹) Hamburger Dramturgie, Stück 34.

²) Hamb. Dram. Stück 34.