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Stoffe ſein Meiſterwerk herauszubilden, denn daß er jenes Drama kannte, iſt nach Lage der Dinge kaum zu bezweifeln. Alles ſpricht dafür, daß er es als Zugſtück der Pariſer Bühne kennen mußte. Aber auch
die zweite Gruppe von Bearbeitungen, die des Cicognini und eine damals in Paris ſehr volkstümliche Harlequinade, konnten ihm nicht fremd ſein. Berührt er ſich doch, außer in der oben erwähnten Stelle, mehrfach mit dem italieniſchen Stücke, während die Harlequinade ſogar zu dem Repertoire ſeines eigenen Pariſer Theaters gehörte. Das nähere Verhältnis Molieères zu ſeinen Quellen findet ſich übrigens eingehend in den einſchlägigen Arbeiten von Despois-Mesnard, Moland. Mahrenholtz u. a. behandelt. ¹) Uns genüge es, durch dieſe wenigen Bemerkungen zu beleuchten, welch einer dichteriſchen That ſeitens Molidères es bedurfte, um dieſe chaotiſchen Reminiscenzen aus einem zerfahrenen Intriguenſtück in ein auf der Höhe der von ihm geſchaffenen Charakterkomödie ſtehendes Drama umzuwandeln Mit mög⸗ lichſter Beſchneidung aller den Fortſchritt der Handlung hemmenden Epiſoden ſtrebt er erfolgreich nach deren Vereinfachung. Die Behandlung der Charaktere wird nicht länger mehr durch die Häufung neben⸗ ſächlicher Szenen in den Hintergrund gedrängt und das richtige Gleichgewicht zwiſchen Charakterſchilder⸗ ung und Handlung hergeſtellt. Ferner aber kommt das komiſche Element mehr zu ſeinem Rechte, ja dies bis zu einem Grade, daß die unerwartete, tragiſche Kataſtrophe die Einheit des Eindrucks in etwas beeinträchtigt, ein Nachteil, dem Tirſo dadurch aus Weg ging, daß er ſchon frühe Don Juan ſelbſt mit der Eventualität einer endlichen Abrechnung mit dem Himmel rechnen läßt. Der charakteriſtiſchſte Unterſchied aber zwiſchen den bisherigen franzöſiſchen Bearbeitungen und der Moliäres iſt die Verwandlung Don Juans in einen Franzoſen und zwar in einen franz öſiſchen Cavalier des Zeitalters Ludwigs XIV.
Hier war Molière in ſeinem Element und man muß Mahrenholtz ²) durchaus beſtimmen, wenn er hervorhebt, daß, ſelbſt wenn es unbeſtritten feſtſtünde, daß Molière Tirſo gekannt habe, er mit dem myſtiſch⸗religiöſen Elemente desſelben, als dem franzöſiſchen Geſchmack und dem Weſen des Luſtſpiels fremd, durchaus nichts anzufangen gewußt haben würde. Nur hätte Mahrenholtz daraus weiter die Folgerung ziehen können, daß auch einem Molière die Behandlung des myſtiſchen Elements da, wo ſie ſich ihm in der Kataſtrophe aufdrängte, als dem Geiſte ſeines Werkes fremd, nicht gelingen konnte. In dieſem Punkte muß man Laun ³), Mahrenholtz gegenüber, beipflichten. In der Zeichnung Don Juans machte der Zorn Molière zum Dichter. Bei Tirſo iſt der Held der Typus des leichtlebigen, vornehmen Herrn, der ſich in ſeiner Gedankenloſigkeit über alle Schranken des Herkommens und der Moral hinausſetzt. Von dieſem Leichtſinn aber bis zur bewußten Ruchloſigkeit war noch ein weiter Schritt und dieſen Schritt thut Moliéres Don Juan. Er bewährt vollauf ſeines Dieners Wort:„Ein vornehmer Herr, der ein ſchlechter Menſch iſt, iſt etwas Schreckliches.“ Und ſeine Ruchloſigkeit ſteigert ſich ſogar zur bewußten Heuchelei. Daß er hiermit den Höhepunkt ſeiner Nichtswürdigkeit erreicht hat, auch das hat bereits ſein Diener erkannt, wenn er ausruft:„Was für eine Tonart ſchlagen Sie denn da plötzlich an? Das iſt ja noch viel ſchlimmer als alles andere; da waren Sie mir ſaudeei ja noch viel lieber. Ich habe noch immer an Ihre Rettung geglaubt; aber jetzt verzweifle ich daran, und ich glaube, daß der Himmel, der Sie bis dahin noch geduldet hat, dieſen Greuel da durchaus nicht dulden wird.“ Mit dieſem Don Juan traf Molière zwei Fliegen mit einem Schlag, indem er in einer Perſon die⸗ jenigen geſellſchaftlichen Mißſtände geißelte, die er bisher in getrennten Lagern bekämpft hatte: den Übermut des Adels und die Heuchelei, ſpeziell die Heuchelei in Sachen der Religion. Übrigens hat der Dichter dieſe Untugenden der Hoffart und der Heuchelei nicht ohne Grund als in der Perſon eines Cavaliers vereinigt dargeſtellt. Schon la Bruyère, der große Kenner ſeines Volkes und ſeiner Zeit, weiß von dieſem Zuſammentreffen:„Wie verſchloſſen— ſo ſagt er— auch die Großen am Hofe ſein mögen, welche Kunſt ſie auch beſitzen mögen, zu ſcheinen, was ſie nicht ſind und umgekehrt— ſie können ihre Bosheit nicht verhehlen und ihre Neigung, auf anderer Leute Koſten zu lachen und ſich über das lächerlich zu machen, was nicht lächerlich iſt.“ Und wieder:„Wer längere Zeit am Hofe gelebt hat, nennt nichts mehr bei ſeinem rechten Namen.“ ⁴)
¹) Despois-Mesnard. Molière, Oeuvres. V Paris 1880, Einleitung zu Don Juan ou le Festin de Picrre.— Mahrenholtz, Herrigs Archiv. Band 63 ſowie derſelbe in„Molière und ſeine Bühne“ vol. I Heft IIl und lIl.—
²)„Molière und ſeine Bühne“ vol. 1 Heft II p. 20. ³) Laun, in ſeiner Ausgabe der Werke Molières am Schluſſe des„Don Juan“. ⁴) La Bruyère, Les Caractères p. 174 und p. 156 Paris, 1886.


