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wollen. Außer ihr ſteht nur noch Byrons Don Juan im Vordergrund der Weltlitteratur, doch hat letzterer mit den Werken Tirſos und Molières im Grunde nur den Titel gemein. Die übrigen die Don Juan⸗Sage behandelnden Werke auch Lenau und Grabbe nicht ausgenommen— ſtehen ſehr in zweiter Linie. Doch um zu Moliare zurückzukehren: Unter dem Einfluſſe des Geiſtes einer andern Sprache, einer andern Nation, einer andern geſellſchaftlichen Atmoſphäre und vor allem eines andern Dichters und zwar eines Molière war eine grundverſchiedene Behandlung jenes Stoffes unausbleiblich. Ueberdies aber hatte derſelbe, ehe er in Molières Hände gelangte, in verſchiedenen Bearbeitungen ſolch mannigfache Wandlungen erfahren, daß es zweifelhaft erſcheint, ob Moliore überhaupt von der ſpaniſchen Originaldichtung Kenntnis hatte. In der That berührt er ſich mit dieſer nur an einer Stelle aufs engſte. In der 17. Szene des III. Jornada(nicht der 11., wie Despois-Mesnard p. 11 u. p. 24 angibt) ſagt Don Juan zu dem ſcheidenden Standbilde Don Gonzalos: —„Geduld, ich will Dir leuchten“
worauf jenes antwortet: —„Leuchte nicht; .„Ich bin im Stand der Gnade!“ Bei Molièôre lautet die Stelle in der 12. Szene des IV Aktes: Don Juan(zu ſeinem Diener):„Nimm dieſe Fackel!“ Das Standbild:„Man bedarf keines Lichtes, wenn man von dem Himmel geleitet wird!“ Nun konnte Molière aber gerade dieſe Stelle, die für eine direkte Kenntnis des ſpaniſchen
Stückes ſprechen würde, dem italieniſchen Drama Cicogninis entlehnt haben, worin ſich dieſelbe gleichfalls und zwar mit folgendem Wortlaute vorfindet: Don Juan:„Sage mir! Willſt Du Licht?“ Das Standbild: „Mir thut irdiſch Licht nicht mehr not.“ Hiermit haben wir die Frage nach den Quellen Molières berührt. Die früheſten Bearbeitungen liegen in den italieniſchen Dramen Giliberto's und jenes Cicognini vor. Das Original des erſteren Werkes iſt uns jedoch nur unvollkommen, nämlich in den beiden franzöſiſchen Bearbeitungen von Dorimond und Villiers erhalten, welche Don Juan in Frankreich Eingang verſchafften. Dorimonds Drama wurde zuerſt im Jahre 1658 zu Lyon aufgeführt und erzielte dort einen ſolchen Erfolg, daß der Pariſer Schauſpieler de Villiers ſich desſelben Stoffes bemächtigte und im Jahre 1659 ſeine Bearbeituug zu Paris zur Aufführung brachte.(Schack gibt die Reihenfolge der Bearbeitungen irrtümlicher Weiſe in umgekehrter chronologiſcher Ordnung an; Laun und Knörich ſtellen die richtige Folge wieder her.) Beide Bearbeitungen ſehen ſich ſo ähnlich, daß ſich der Verluſt des Originals wohl verſchmerzen läßt und zwar um ſo leichter, als die italieniſche Arbeit durchaus keinen Fortſchritt über das ſpaniſche Original hinaus bekundet. Denn wenn, wie geſagt, in Tirſos Don Juan die loſe Folge der Szene wenigſtens durch die conſequente Durchführung des Hauptcharakters zuſammen⸗ gehalten wird, ſo fehlt, nach den franzöſiſchen Bearbeitungen zu ſchließen, dem italieniſchen Drama überhaupt jede Einheit, die der Handlung ſowohl wie die des Hauptcharakters. Übrigens gab ſich de Villiers über den Wert ſeines Machwerks ſelbſt keinerlei Täuſchungen hin. Spricht er ſich doch in den folgenden, der Widmung an Corneille entnommenen Stellen darüber mit wahrhaft verblüffendem Cynismus aus ³):„Ich weiß wohl, daß ich das Werk beſſer nicht veröffentlicht hätte— aber meine Collegen haben es gewünſcht in der Ueberzeugung, daß die große Zahl der Unwiſſenden, die diejenige der Kenner des Theaters weit überſteigt, ſich mehr an die Figur Don Pedros und ſeines Pferdes halten würden als an die Verſe und die Handlung.— Wenn alle meine Brüder in Apoll dieſelbe Selbſt⸗ erkenntnis beſäßen, ſo gäbe es nicht ſo viele Werke, die nicht beſſer ſind als das vorliegende, und unſere Truppe wäre nicht gezwungen, einen Mann zu Pferde auftreten zu laſſen mangels etwas Geſcheiteren. Vielleicht werden Sie mir entgegenhalten, daß ich, wo ich doch das Durcheinander in dem Stücke, ſeine kecke Verletzung jeder Regel und meinen eigenen Mangel an Originalität ihm gegenüber klar erkannt habe, mich mit der Aufführung hätte begnügen und es nicht noch drucken laſſen ſollen. Auf dieſen vernünftigen Einwurf habe ich nichts zu erwiedern, als daß der Buchhändler verſuchen will, ob er mit dem Drucke noch einige Kunden ſo anführen kann, wie wir das große Publikum mit der Aufführung“. —(sic!)— Dieſe vielverſprechende Einleitung iſt aber auch der einzige flotte Zug in der ganzen Leiſtung und man hat keine Veranlaſſung, den Autor falſcher Beſcheidenheit zu zeihen. Man kann nach dieſen Worten ermeſſen, welcher Kunſt ſeitens Molières es bedurfte, um aus dieſem ſo mißhandelteu
¹) ſ. Band I der Sammlung franzöſiſcher Neudrucke von Vollmöller, Einleitung.


