Aufsatz 
Ein Beitrag zur Don Juan-Literatur / von O. Schädel
Entstehung
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Charakterentwickelung laſſen Zorrillas Werk ſich entſchieden dem deutſchen Ideale nähern. So faßt der Dichter die verſchiedenen Abenteuer Don Juans in ein einziges, in den Austrag jener frivolen Wette, zuſammen, ferner tritt an die Stelle der verſchiedenen Nebenbuhler Don Juans Octavio. de la Mota, Patricio. Anfriso ein einziger, Don Luis Mejia; ähnlich verhält es ſich mit den weiblichen Rollen. Endlich fallen die Bauernſzenen als der Würde des Tones des Stückes nicht entſprechend weg. Jene Mannigfaltigkeit der Szenen, jene Vermiſchung ernſter und komiſcher Motive war nun einmal, dem ſpaniſchen Drama an ſich, vor allem aber noch in jener Periode, in welcher Tirſo lebte, eigen. Übrigens wußte der letztere die Nachtheile dieſer Manier dadurch zu vermeiden, daß er die einzelnen Szenen, die bei ſeinen italieniſchen und franzöſiſchen Nachfolgern außer Molière in buntem Wechſel ſich folgen, wenigſtens durch die conſequente Durchführung des Charakters des Haupthelden zuſammen hielt. Bei jenen dagegen zerfällt mit dem Mangel an Einheit in der Zeichnung Don Juans die Handlung ſelbſt in Atome. Und nicht nur praktiſch wußte Tirſo dieſen Gefahren der dramatiſchen Technik ſeines Volkes aus dem Wege zu gehen, er ſetzte ſich auch theoretiſch mit dieſen Fragen auseinander. So ſagte er in einem ſeiner Dramen, bezüglich der Forderung der Beſchränkung der Handlung auf die Dauer von vierundzwanzig Stunden, daß es unnatürlich ſei, eine Handlung, die ſich im gewöhnlichen Leben innerhalb mehrerer Monate oder Jahre abſpiele, in den Rahmen einiger Stunden einzuzwängen. Die übelſtände, die daraus entſpringenſind wie er ſich ausdrückt!) größer als diejenigen, welche daraus hervorgehen, daß die Zuſchauer, ohne ſich vom Flecke zu bewegen, Dinge ſehen und hören, die an vielen Tagen vorgefallen ſind. Bezog ſich dieſe Bemerkung auf Zeit und Raum, ſo geht die folgende auf den Unterſchied der antiken und der modernen Auffaſſung von dem Weſen des Dramas ſelbſt. Ausgehend von der Zuläſſigkeit der Miſchung ernſter und komiſcher Motive plaidiert er, im Namen des natürlichen Fortſchritts des menſchlichen Geiſtes, für die Befreiung von der ausſchließlichen Geltung der Regeln der Alten, indem er ſagt: ²)Darin unterſcheidet ſich die Kunſt von der Natur, daß dasjenige, was dieſe ſeit der Schöpfung feſtgeſtellt hat, unveränderlich bleibt während in der Kunſt, deren Weſen in der veränderlichen Beſchaffenheit der Menſchen wurzelt, der Gebrauch Umwand⸗ lungen hervorruft, welche deren ganzes Sein betreffen. Gewiß ein Beweis von einem weiten und unbefangenen Blick. In Bezug auf die Sprache iſt Zorrillas Werk demjenigen ſeines Vorgängers entſchieden überlegen. Sie iſt einfacher, empfundener, kurz poetiſcher. Jener Schwulſt, jener Reichtum an geſuchten Bildern und Wendungen, von dem auch ein Tirſo als Kind ſeiner Zeit und ſeines Volkes ſich nicht frei zu halten wußte, fällt bei Zorrilla, den ſeine Bildung über nationale Eigentümlichkeiten erhob, weg. Seine Sprache atmet bald die Ruhe des Idylls, bald je nach der Situation ſchwingt ſie ſich zu dem kühnſten Pathos auf; mit ihrer Klarheit, mit ihrem ſich ſtets gleichbleibenden Wohlklang, mit ihrem ſinnigen Bilderſchmuck erinnert ſie unwillkürlich an einen klaren Bach, in welchen bei ſeiner Wanderung bald durch friedliche Wieſen, bald durch dunkle Wälder hie und da Blüten und Blumen leiſe niederfallen, während er jetzt mit ſanftem Murmeln, jetzt mit wildem Brauſen dahinſtrömt.

Wir haben in dem vorſtehenden Ueberblick über die Dramen Tirſos und Zorrillas die hervor⸗ ragendſten Schöpfungen, die auf ſpaniſchem Boden aus jenem Gegenſtande hervorgegangen ſind, betrachtet. In beiden tritt eine ernſte, moraliſche Tendenz offen zu Tage. Jenes WortLange Friſt gewährſt du mir! mit welchen Don Juan in Tirſos Werk den Hinweis auf die Todesſtunde ſich zu wiederholten Malen aus dem Sinne zu ſchlagen ſucht, bereitet den Hörer bei Zeiten auf das göttliche Strafgericht an dem Verbrecher vor. Wir werden auf die Gewaltſamkeit der Kataſtrophe durch dieſen Kunſtgriff des Dichters gleichſam vorbereitet und ſie erſcheint auf dieſe Weiſe motiviert, daher dramatiſch weniger gewagt. Bei Zorrilla ferner dreht ſich ſogar der ganze zweite Teil der Dichtung um das tieffinnige Geheimniß der erlöſenden Liebe. Von dieſer Höhe einer ernſten Lebensanſchauung bis zu Molières LuſtſpielDon Juan ou le Festin de Pierre iſt nun freilich ein weiter Schritt. Doch fehlen nicht zahlreiche Verbindungsglieder zwiſchen jenen Dichtungen und Moliéêres Werk, das wir als die bedeutendſte der weiteren aus unſerm Gegenſtand hervorgegangenen Dichtungen noch berückſichtigen

¹) Schack II 559. ²) Schack II, p. 560.