Aufsatz 
Ein Beitrag zur Don Juan-Literatur / von O. Schädel
Entstehung
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Auch der letzte Augenblick,

Der zur Reue Dir gegönnet,

Und zur Hölle muß Du fort,

Wo das ew'ge Feuer brennet.. und beharrt bei ihremZu ſpät!, als ſich Don Juan unbeirrt auf die Unendlichkeit der göttlichen Gnade beruft. Offenbar will der Dichter durch dieſen unerwarteten coup Raum fuür die Erretterrolle der Donna Ines ſchaffen, ohne daß die glückliche Vermittlung zwiſchen der Aktion der letzteren und der Statue ihm gelungen wäre. Da erſcheint Donna Ines und ergreift die ihr entgegengeſtreckte Hand Don Juans mit den Worten:

Meine Seele habe ich

Für die Deinige gegeben,

Und nun ſchenkt das ewige Leben

Dir der Ewige durch mich.

Aber wie die höhre Hand

Dies Geheimniß hat verkettet,

Kann die Creatur nicht faſſen!

Nur in jenem beſſern Land

Wird es dem Gerechten klar,

Daß allein es Liebe war,

Die Don Juan an meinem Grabe

Vom Verderben hat gerettet.

Don Juan aber ſinkt unter dem Ausrufe nieder:

In Sevilla wird es Allen Morgen früh das Herz ergreifen, Daß von meiner Opfer Händen Ich zur Sühne bin gefallen. Nur gerecht iſt's. Aller Welt Liege hier das Zeugnis offen, Weil ein Augenblick der Reue, Doch noch darf Erlöſung hoffen Und uns führt zum Himmelspfade, Daß auch Juan Tenorios Gott Iſt der Gott der höchſten Gnade.

Bei der Vergleichung dieſer beiden Dramen ſpringt zunächſt die Thatſache in die Augen, daß die Handlung bei Tirſo viel breiter angelegt, viel bewegter als bei Zorrilla iſt. Ferner aber tritt uns der Charakter des Haupthelden von vornherein als abgeſchloſſen entgegen, während er ſich bei Zorrilla im Verlaufe der Handlung erſt entwickelt. Bei Tirſo bleibt er ſich im weſentlichen gleich, bei Zorrilla wirkt die Handlung auf ſeine Entwickelung ein. Unter dieſem doppelten Geſichtspunkte der größeren Mannigfaltigkeit der Handlung und der von vornherein vollendeten Abgeſchloſſenheit des Charakters des Helden trägt das Werk Tirſos das Gepräge des Dramas der romaniſchen Nationen. Denn nach der treffenden Charakteriſtik G. Freytags ¹):(Der Romane) macht die Geſellſchaft, nicht wie der Deutſche das innere Leben ²) des Helden, zum Mittelpunkt; ihn freut es, fertige Perſonen nur mit

flüchtigem Umriß der Charaktere, einander gegenüber zu ſtellen(Dem Germanen) gehen in ſchaffender Seele leicht zuerſt die Charaktere auf, zu dieſen erfindet er die Handlung; den Romanen lockt ſtärker die feſſelnde Verbindung der Handlung die Intrigue. Dieſer Gegenſatz

iſt alt, er dauert noch in der Gegenwart. Die Einfachheit der Handlung, die ſtarke Betonung der

¹) G. Freitag, die Technik des Dramas. p. 216, 217..

²)Das innere Leben das Leben des Helden ſchlechthin, darum auch ſein äußeres Leben. Die ſorgfältigere Charakterbeſchreibung des germaniſchen Dramas begnügt ſich nicht damit, den pſychologiſchen Motiven nachzugehen, ſondern liebt es, die Perſonen möglichſt individuell zu geſtalten. Man vergleiche die typiſchen Nſuen der romaniſchen Dramen mit den plaſtiſchen Figuren Shakespeares. Daher denn der letztere den Künſtler unwillkürlich zur Illuſtration auffordert. übrigens hat Ruemelin ſeiner Zeit bekanntlich auf die Nachteile der zu einſeitigen Behandlung der Charakteriſtik, auf Koſten der Intrigue, hingewieſen.