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— Der nächſte Akt beginnt mit einem Zwiegeſpräche der Abtiſſin mit Donna Ines, worin die erſtere ihrer Pflegebefohlenen das Glück eines den Zerſteuungen und Verſuchungen der Welt entzogenen, beſchaulichen Lebens in ſo herrlichen Verſen ſchildert. Allein auch die wohlgelungene Üüberſetzung de Wildes vermag den Zauber nicht wiederzugeben, den die Melodie der ſpaniſchen Sprache über derartige, dem Drama jener Nation ſo geläufige lyriſche Partien zu verbreiten weiß. 1) Auf Donna Ines machen diesmal die Worte der bewährten Freundin keinen Eindruck. Ihr Sinnen und Trachten geht über die ſtillen Mauern hinaus: Das Gift der Worte ihrer Pflegerin hat bereits ſoweit gewirkt, daß ein von dieſer ihr zugeſchmuggelter Brief Don Juans von Donna Ines entgegen genommen wird. In dem Augenblick, wo ſich die Arme ihrer Liebe zu Don Juan bewußt wird, tritt dieſer ein. Donna Ines fällt in Ohnmacht und Don Juan, ihre hilfloſe Lage benutzend, entführt ſie nach ſeinem in der Nähe der Stadt gelegenen Landgute. Don Gonzalo, den die Beſorgnis, daß Don Juan ſich ſeiner Tochter auf irgend einer Weiſe bemächtigen werde, zu deren Rettung in das Kloſter getrieben, kommt
zu ſpät.
— In dem folgenden Akte ſucht die Pflegerin, Donna Ines durch die plumpe Vorſpiegelung von einem Brande im Kloſter, bei dem Don Juan als Retter des bewußtloſen Mädchens aufgetreten ſei, zu einer Verlängerung ihres Aufenthalts in dem Landhauſe Don Juans zu beſtimmen. Donna Ines weiſt den Vorſchlag zurück und fügt ihre Schwäche ahnend, hinzu:
„Laßt uns fort drum, ohne Säumen,“ „Laßt uns fort, noch eh' er kommt!“ „Denn vielleicht fehlt mir die Kraft,“ „Wenn ich neben mir ihn ſehe.“
Ihre Ahnung erfüllt ſich; ſchon in der nächſten Szene weiß Don Juan ſie durch ſo tiefempfundene Worte zu berücken, daß ſie ihre Liebe rückhaltlos eingeſteht. Die ganze Szene iſt für die Auffaſſung des Don Juan ſeitens Zorrillas hochbedeutſam. Hier vollzieht ſich in ſeinem Leben jener Umſchwung, durch den er ſich von dem Helden der Dichtung Tirſos und Molidres unterſcheidet. Tirſos Don Juan i*ſt bis zum letzten Augenblick der tolle Junker, Molières Held der freche Gottesleugner. Auf Zorrillas Don Juan dagegen wirkt läuternd und erhebend der Einfluß edler Weiblichkeit. Jenen zerfahrenen Menſchen zieht die Harmonie einer in ſich abgeſchloſſenen Natur unwillkürlich an; vergebens hat er in der wilden Jagd nach dem Genuß jenen Frieden geſucht, den Donna Ines in der Entſagung ſpielend gefunden. Er ſelbſt gibt ſeiner veränderten Stimmung in den Worten Ausdruck:
„Du himmliſche! Mein ganzes Weſen Verwandelt ſich mit dieſem Worte; Ich ſeh' es klar, was ich vermag, Bis ſich mir öffnet Edens Pforte. Nein, Donna Ines, nicht der Feind der dieſe Liebe mir geſendet;
ott iſt es, der vielleicht durch ſie Mein Herz zurück zum Himmel wendet.“
Plötzlich landet ein Nachen unterhalb des Balkons. Don Luis iſt dem Verräter nachgeeilt und fordert ihn zur Sühne ſeines Frevels zum Zweikampf heraus. Don Juan willigt ein, bittet jedoch um Aufſchub, da Don Gonzalo mittlerweile in gleicher Abſicht nach Don Juans Landſitz geeilt iſt und ihn zu ſprechen begehrt. Don Juan, unerachtet der ſchweren Vorwürfe des gekränkten Edelmannes, bittet dieſen, an ſeine Sinnesänderung zu glauben und ihm, nachdem er ſich im Verlaufe der Zeit von dem Ernſt ſeiner Reue überzeugt habe, einſtens die Hand ſeiner Tochter zu gewähren. Ja, er faßt ſein Drängen in das gewagte Wort zuſammen:
„O, bedenk' es wohl, Comthur!“ „Mit ihr raubſt Du mir die Hoffnung“ „Selber auf mein ewig Heil.“
¹)„Unſere Sprache klinat uns wie Muſik“ ſagte mir einmal ein Spanier. Dieſe Eigentümlichkeit der romaniſchen Sprachen iſt ja bekannt. elchen Reichtum an Kehrreimen interjectionaler Natur beſitzt allein ſchon das franzöſiſche Volkslied gegenüber dem deutſchen; und die franzöſiſche Sprache iſt doch von den romaniſchen die am wenigſten melodiſche.


