Aufsatz 
Ein Beitrag zur Don Juan-Literatur / von O. Schädel
Entstehung
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9 mittelbarkeit, zwiſchen Phraſe und ächter Geſtaltungskraft ſo haarſcharf ziehen ließe! Auch iſt die Reflexion in der dramatiſchen Dichtung ein durchaus berechtigtes Element: Das Epos, als Schilderung des Gewordenen, fordert die objeetiv gehaltene Sprache des Verſtandes, die Lyrik, als die Schilderung der noch vorhandenen Stimmung die ſubjectiv gehaltene Sprache des erregten Gefühls, das Drama aber, als das Bild des Werdenden, ſpiegelt in dem Auf⸗ und Ab⸗wogen der Reflexion die zwiſchen objectiver Geſtaltung und dem ſubjectiven Entſchluſſe noch ſchwankende Willenskraft wieder.

III.

Zwei Jahrhunderte trennen Tirſos Werk von demjenigen eines Landsmannes, der denſelben Stoff und zwar in unleugbar origineller Weiſe behandelt hat.Don Juan Tenorio; ein religiös⸗phantaſtiſches Drama lautet der etwas ominöſe Titel einer Dichtung des gefeierten ſpaniſchen Dichters Zorrilla.

Noch heute genießt das Stück, beſonders natürlich in Sevilla, einer großen Beliebtheit und wird daſelbſt jährlich an einem beſtimmten Tage aufgeführt. Sentimentale Stuͤcke beſitzen bekanntlich für naive Menſchen einen großen Reiz. Wir geben auch hier zunächſt den Inhalt des Stückes ſelbſt und zwar mag die Wiedergabe an dieſer Stelle ſchon aus dem Grunde gerechtfertigt erſcheinen, als die gelungenſte Üüberſetzung des Stückes ſelbſt von dem Verleger ¹) nicht mehr zu beziehen iſt.

Erſter Teil des Dramas.

Don Juan Tenorio und Don Luis Mejia, die zwei übermütigſten Cavaliere Sevillas, haben mit einander gewettet, ſich in tollen Streichen zu überbieten und im Anſchluß daran beſchloſſen, das Ergebnis ihres löblichen Treibens nach Verlauf von einem Jahre in dem Wirtshauſe Buttarellis mit einander vergleichen zu wollen. Sie treffen auch zur beſtimmten Stunde an dem angegebenen Orte ein; mit ihnen zugleich zwei Freunde und zwei Unbekannte in Maske nämlich der Vater Don Juans und derjenige der ihm beſtimmten Braut. Nach einer ſummariſchen Aufzählung der beiderſeitigen Helden⸗ thaten gibt um nur eins zu erwähnen die Vergleichung der Zahl der von Don Luis Erſchlagenen mit derjenigen der Opfer Don Juans dem letzteren einen Vorſprung von neun Mordthaten. Nur ein Lorbeerblatt in dieſem ſeltenen Ruhmeskranze fehlt das Herz eines Mädchens, das auf dem Pnnkte ſteht, der Welt zu entſagen. Von Don Luis angeſtachelt macht ſich nun Don Juan anheiſchig, auch dies Wagnis innerhalb ſechs Tage zu vollführen und gibt jenem ſogar noch einen neuen Liebeshandel in den Kauf: Die Braut eines Feundes dieſem abſpenſtig zu machen. Don Luis geht die neue Wette ein: Der Einſatz ſoll des Verlierenden Leben ſein. Nun vermögen die beiden Maskierten nicht länger ihre Entrüſtung zu unterdrücken; Don Gonzalo löſt die Verlobung auf und Don Diego entfernt ſich mit den Worten: In des Laſters Arm, Don Juan,

Laß' ich troſtlos Dich zurück. O, mein Tod iſt's! Doch verzeih' ich Bis vor Gottes Richterſtuhl.

Die beiden Tollköpfe blieben zurück. Übrigens ſind ſie einander gewachſen. Denn kaum verläßt Don Juan den Ort, ſo läßt Don Luis, infolge einer mittlerweile veranlaßten Anzeige bei Gericht, ihn verhaften, während Don Juan, der auf den gleichen Gedanken gekommen war, ſofort Gleiches mit Gleichem vergilt.

Don Luis, durch die Bürgſchaft eines Freundes befreit, überredet einen Diener des Hauſes, ihn in der kommenden Nacht in dem Hauſe ſeines Schwiegervaters Wache halten zu laſſen, da er Don Juan ſelbſt in ſeiner Haft noch fürchtet. Nicht umſonſt denn auch Don Juan hat ſich zu befreien gewußt und begibt ſich unter dem Schutze der Nacht nach Donna Annas Wohnung. Hier entwendet er ſeinem Nebenbuhler den Schlüſſel zu derſelben und läßt Don Luis aufs neue dingfeſt machen. Auch mit dem zweiten Unternehmen ſcheint es dem tollen Junker glücken zu wollen. Sein Diener hat die alte Pflegerin der Donna Ines, der ihm einſt beſtimmten Braut, überredet, Don Juan Zugang zu dem Kloſter, in dem jene ſich befindet, zu verſchaffen.

¹) Don Juan Tenorio. Aus dem Spaniſchen übertragen durch G. H. de Wilde. Leipzig 1850. Don J.

Tenorio por Don José Zorrilla. Madrid, 1875..