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die außerordentliche Geſuchtheit der Bilder, das Haſchen nach Wortſpielen, ſowie die wiederholte An⸗ ſpielung auf die klaſſiſche Sagengeſchichte auffallen. Handelt es ſich hier um jene Erſcheinung, welche damals die Runde durch die Weltlitteratur ¹) machte, die ſich in Italien an den Namen Marinis, in Frankreich an Ronſard und ſeine Schule, in Deutſchland an die ſchleſiſchen Schulen, in England an Lyly, in Spanien an Gongora und die Culturiſten anknüpft? Man könnte faſt daran denken; allein Schack macht darauf aufmerkſam, daß„ein gewiſſer Schwulſt der Rede, ein Hang zum Bilder⸗ und Methaphernſpiel von früheſter Zeit an bei vielen ſpaniſchen Schriftſtellern hervorgetreten war und ſich in den alten Cancioneros, ja ſelbſt bei Lope de Vega, dem entſchiedenen Gegner der Culturiſten, bemerkbar macht.“ Es mutet uns befremdend an, wenn Tisbea, das ſchlichte Kind aus dem Volke, dem mit den Wogen ringenden Catalinon zuruft: „Ein Jüngling— welch ein ſeltener Edelmut!—“ „Nimmt den Ertrinkenden dort auf die Schultern,“ „So wird er durch Anchiſes zum Aeneas,“ „Wenn ſich zum Troja hat das Meer verwandelt.“ Gleich darauf aber erwiedert ſie dem noch triefenden, trotzdem aber bereits für ſie entffammten Don Juan: „Ihr ſeid wie der Griechen Roß“ „Von außen naß, doch innen voller Glut.“ Endlich aber bricht die Betrogene in den Klageruf aus: „In Flammen, wie ein zweites Troja, ging“ „Mein armes Hüttchen auf; wo Troja fehlt,“ „Muß ſich mit Hütten Liebe halt begnügen.“
Eine ſolche Häufung klaſſiſcher Reminiscenzen iſt im Munde eines Fiſchermädchens unnatürlich. Es liegt hier offenbar ſeitens des Dichters ein Mangel an Geſchmack, an Stilgefühl vor, in welchen der ſpaniſche Autor als Kind ſeines Volkes verfiel. Bezüglich der Geſuchtheit der Bilder, wie ſie ſelbſt dem Volksliede eigen, verweiſen wir auf Fernon Caballeros„Spaniſche Volkslieder und Volksreime.“ Jede Seite enthält Beiſpiele dieſer Eigentuͤmlichkeit. Eine derartige, manierirte Sprache verbreitet ſich nicht durch gelehrten Einfluß in die breiten Schichten des Volkes hinab. Findet ſie ſich dort vor, ſo weiſt ſie auf eine tiefer liegende Urſache. Hier offenbar auf die durch die Mauren eingeführte, orientaliſche Ausdrucksweiſe.
Eine weitere Eigentümlichkeit des ſpaniſchen Dramas, die Tirſo mit den ſpaniſchen Bühnendichtern teilt, ſoll in dem Vorwiegen der Reflexion über die Empfindung oder, mit anderen Worten, der Reflexion über die Empfindung ſtatt der letzteren ſelbſt beſtehen. Allein dieſer Vorwurf iſt leichter erhoben als begründet.„Phraſe“ und„Reflexion“ ſind Lieblingsſchlagwörter ſeichter Kritik. Wie hat dieſelbe in dieſem Punkte nicht an unſerem Schiller geſündigt! Als ob ſich die Linie zwiſchen Reflexion und Un⸗
¹) Dieſe Erſcheinung knüpft in der italieniſchen, ſpaniſchen, engliſchen und deutſchen Litteratur an die Wieder⸗ belebung des klaſſiſchen Altertums an. Sie tritt aber im allgemeinen überall zu Tage, wo die Litteratur die Fühlung mit den Anſchauungen und der Sprache des Volks verloren hat und die ausſchließliche Domaine gewiſſer, vornehmer oder gelehrter, Kreiſe wird. Der Kreis der Anſchauungen verengert ſich dann immer mehr und die Sprache wird in⸗ folgedeſſen immer ärmer. So muß in der provenzaliſchen Litteratur die Künſtelei auffallen, mit welcher eine ſehr beſcheidene Anzahl ſtereotyp wiederkehrender Begriffe wie in einem Kaleidoſcop immer wieder neu gruppiert werden, um auf dieſe Weiſe aus den verbrauchten Bildern ein neues hervorzubringen. Ja, ſogar die alberne Spielerei der dunkeln Rede— die abſichtliche Unklarheit des Ausdrucks— pflegten die Troubadours. Um aber in ganz andere Kulturver⸗ hältniſſe überzugreifen, ſo ſei daran erinnert, daß noch im achtzehnten Jahrhundert in Frankreich ähnliche Urſachen ähnliche Wirkungen zur Folge hatten. So führt Taine jenen Mangel an Plaſtik in der franzöſiſchen Sprache jener Zeit, die Armut der Sprache, auf den Umſtand zurück, daß die Coterie der franzöſiſchen Schriftſteller mit den breiten Schichten des Volkes keine Berührung hatte. Im ſiebenzehnten Jahrhundert hat bekanntlich Molière die Modethorheit der Unnatur in ſeinen Précieuses ridicules gegeißelt, während Shakespeare den Schulmeiſter Holofernes in ſeinem „Liebes Leid und Luſt“ von Andriano(Akt V. Sz. 1.) ſagen läßt:„Seine Zunge iſt gefeilt, ſein Auge ambitiös.— Er iſt zu geſucht, zu geſchniegelt, zu affectirt, gleichſam zu peregrinös, möcht' ich ſagen.“ Iſt dies Urteil zu hart, wenn man bedenkt, daß Marini(Ebert, Handbuch der italien. National⸗Litteratur, p. 406.) die Nebel zu himmliſchen Matratzen, die Sterne zu ewigen Johanniskäferchen und die letzteren wieder zu fleiſchgewordenen Talglichtern werden läßt? Dem gegenüber bedenke man, wie mächtig die wieder gewonnene Kenntnis des Volkslieds ſeit Herder und Goerhe die Befreiung unſerer Sprache von Zopf und Schwulſt gefördert hat. Scheffler(die franzöſiſche Volksdichtung und Sage p. 10 und 11.) ſagt geradezu:„Die zweite Blütezeit unſerer Kunſtdichtung iſt aus der naiven Dichtung des Volkes wie der reichgeäſtete Baum aus der beſcheidenen Wurzel hervorgegangen.“—„Sein Werk als volkstümlich⸗ betrachtet zu ſehen, galt und gilt noch heute als des Dichters höchſter Ruhm.“


