Aufsatz 
Mitteilungen über die Michelstädter Kirchenbibliothek / von Adam Klassert
Entstehung
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Maler). 22: Liber Vagatorum. Der betler orden.(Holzſchnitt: Stelzfuß, Frau und Kind), 12 Bl, Sign. A bis C; Bl. 1 b: Hye nach volgt ein Hübſch Büchlein, genant Liber Vaga torum. Dictiert von eim.. expertus in Trufis; Bl. 12 a Zl. 8: Got Sey Lob. Panzer, deutſche Annalen, Zuſätze 104 f., Fr. Kluge, Rotwelſch, Straßburg 1901, Nr. 8(der Wagnerſchen Bibliographie, S. 55 ff.); 12 Bl., 34 Zln, Vorrede in 12 Zln.; der im Katalog des Dr. Kloß 4098 Gruner(Vinzenz?) zugeſchriebene Vocabularius beginnt auf dem 10. Blatt. 23: Eyn wunderbarlich! geſchichte: wye die Merkiſchen Jüden das hochwirdigſt Sacrament gekaufft, vnd zuſ martern ſich vnderſtanden: Durch ein hochgelerten hern Doctorem des thuns gegründt: kürtzlich erleütert. Anno. 1510(darunter Holzſchnitt: Mon⸗ ſtranz), 4 Bl.; Bl. 45b Zl. 4 Mirabilis deus in ſanctis ſuis. Darunter: F. F. F.(Weller 563).

905, 24: Enderung vnad) ſchmach der bildung Marie von de(n) jude(n) bewiſſen. vn(d) zu ewiger gedechtnüß durch Maximilianu(m) den römiſcheln) keyſer zu maleln) verſchaffet in der löblicheen) ſtat kolmer. von) dan(n)en ſy ouch ewig vertrieben ſyndt. Weller 1. hat falſch: Anderung. Der Titelrahmen trägt das zugehörige Monogramm des Mathias Hüpfuff in Straßburg(†1520), abgebildet bei Charles Schmidt, Répertoire bibliographique Strassbourgeois V 1894 Nr. 2, bei P. Heitz, Elſäſſiſche Büchermarken VII 2, vgl. S. 14, Butſch I 69; der Rahmen wird nach Hüpfuffs Tod nach Beſeitigung des Monogramms von Joh. Schwan(1524) und Wolff Köpffel zum Steinbruck(1522) verwandt, datiert kommt er erſt ſeit 1515 vor, dem Jahre, in dem die Enderung(= Entehrung) Mariä veröffentlicht ſein wird.

Dieſe Schrift in 4o umfaßt 34 Blätter, deren letztes weißes in Michelſtadt allein fehlt. Defekte Texte finden ſich nach Dr. W. Liſt, dem wir die erſte Beſchreibung und kulturhiſtoriſche Würdi⸗ gung der Schrift verdanken¹), in München und Tübingen. Die Schrift zerfällt in zwei Teile, einen erzählenden, die Geſchichte der Verſpottung und Verwundung eines Marienbildes durch Juden im Hennegau und die Beſtrafung des Frevels mit demſelben Gedankengang und häufig demſelben Wort⸗ laut wie Pamphilus Gengenbachs Meiſterlied: Fünf Judenꝛ)(Goedeke 39 ff.; Weller 686 ſetzt Gengenbachs Gedicht ohne ſichtbaren Grund in das Jahr 1512). Der zweite, lehrhafte Teil, dem die Holzſchnitte gänzlich fehlen, ſammelt alle möglichen Beſchuldigungen gegen die Juden und ſucht ihre Wahrheit oft mit wenig Logik zu erweiſen. Er gipfelt in dem haßerfüllten Rat, die Juden, die ſich ſolche Frevel erlaubten, zu vertilgen, alſo eine jener ſchändlichen Verfolgungen ins Werk zu ſetzen, von welchen mehrere Beiſpiele im Text zur Nacheiferung angeführt werden, wobei man für vermeintliche oder wirkliche Verbrechen einzelner Tauſende von Unſchuldigen büßen ließ. Als Druck⸗ jahr nimmt Liſt 1510 oder etwas ſpäter an, doch läßt es ſich genauer beſtimmen als aus der 1510 eingeleiteten, 1512 durchgeführten Vertreibung der Juden aus Kolmar). Denn gelegentlich wird der Geſtändniſſe des wegen vieler Verbrechen am 4. September 1514 zu Halle verbrannten angeb⸗ lichen getauften Juden gedacht, den der Verfaſſer irrtümlich nach dem Vorgange Huttens und der Reuchliniſten als Johannes Pfefferkorn) bezeichnet. Weil der Verfaſſer, durchaus auf Seiten der Judenfeinde ſtehend, trotzdem die zur Beſchimpfung des getauften Juden Pfefferkorn von Reuchlins Partei ausgegebenen Schmachbüchlein für bare Münze nimmt, wird die Veröffentlichung nicht nach dem Erſcheinen von PfefferkornsBeſchyrmung erfolgt ſein, denn hätte der Verfaſſer dieſe Wider⸗ legung gekannt, ſo hätte er ſich ſicher nicht eine ſolche Blöße gegeben, die den Spott der Gegner herausfordern mußte. Und einen Niederſchlag dieſes Spottes finde ich im 2. Buch der Epistolae obscurorum virorum im 59. Briefe, wo Joh. Cocleariligneus an Ortuin Gratius aus Frankfurt über alles berichtet, was er über die zugunſten Reuchlins beſtehende Verſchwörung in Erfahrung ge⸗ bracht hat; dabei erwähnt er, Thomas Murner ſei das Haupt dieſer Verſchwörnng, ein Buch⸗ händler habe ihm verraten, Murner habe ein Buch de scandalis praedicatorum(Jetzerhandel in

¹) Centralblatt f. d. Bibliothekweſen IV 1887, 290 93.

²) Dieſe Übereinſtimmung und damit auch die von Goedeke, Grundriß I 2 A. 319 angedeutete Quelle, aus der als Ort und Zeit der Handlung das Ciſtercienzerkloſter Camberon im Hennegau und das Jahr 1322 ſich ergeben, waren Dr. Liſt entgangen. Eine Herausgabe der in ihrer kulturhiſtoriſchen Bedeutung bereits von Dr. Liſt gewürdigten 12 Holz⸗ ſchnitte und der, wie ich oben zeige, auch literarhiſtoriſch wichtigen Schrift iſt in Ausſicht genommen.

³) Über dieſe handelt X. Mossmann, Etude sur l'histoire des Juifs à Colmar, Colmar 1866, p. 19 21.

) Gegen dieſe ihm zum Schimpf geſchehene Benennung des Pfaffen Rapp wehrt ſich Joh. Pfefferkorn,den man nyt verbrant hat, in ſeinerBeſchyrmung 1516 und im Streitbüchlein 1517. Die von Reuchlins Partei aus⸗ gegebenen Flugſchriften über Verbrechen und Strafe jenes vorgeblichen Pfefferkorn ſind in den Supplementen von Böckings

Huttenausgabe abgedruckt oder verzeichnet. Die Thatſache der Verbrennung eines(angeblichen) getauften Juden zu Halle erwähnt zum Jahre 1514 auch die oben unter Nr. 905,10 angeführte Augsburger Chronik.