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Bern) geſchrieben et unum alium in defensionem KReuchlini. Welcher Hohn liegt in der Bezeich⸗ nung der„Entehrung“, einer den wütendſten Antiſemitismus predigenden Schrift als einer ſolchen zur Verteidigung des Reuchlin, weil dem Verfaſſer wider Willen das Mißgeſchick widerfahren war, in dem einen Punkte der Beſchimpfung Pfefferkorns mit den Reuchliniſten gemeinſame Sache zu machen. Nun begreift man auch das Mißtrauen, mit dem man dem ſo wie ſo wegen ſeiner loſen Zunge gefürchteten Murner nach dieſer Leiſtung in Trier begegnete. Andererſeits mußte die Be⸗ zeichnung des nämlichen Murner, der im Brief 63 als unwiſſender Mönch verſpottet und im 68. Brief in der unflätigſten Weiſe beſchimpft wird, als eines Verteidigers Reuchlins und Judenfreundes den Reuchliniſten ebenſo drollig vorkommen wie in Joh. Textors Brief 68 die Bezeichnung des Eras⸗ mus als des Verfaſſers„eines Narrenſchiffs“(anſtatt des„Lobes der Narrheit“),— denn ein größerer Gegenſatz, als er zwiſchen dem attiſchen Salz des Erasmus und Sebaſtian Brants trockenem Buch⸗ ton beſteht, läßt ſich gar nicht denken. Daß die Sprache, der Wortſchatz, die Behandlung des Ver⸗ ſes und beſonders die häufige Verwendung des Dreireims in der„Entehrung Mariä“ durchaus Murner entſpricht, denke ich an einem andern Orte nachzuweiſen, wo auch das Verhältnis von Murners„Entehrung Mariä“ und Gengenbachs„Fünf Juden“, die ich für die ſpätere, von Murner abhängige Dichtung halte, zu den Quellen erörtert werden ſoll.
Hier will ich nur darauf hinweiſen, wie durch die Annahme von Murners Autorſchaft für die„Entehrung“ ein dunkler Punkt in Murners Leben Aufhellung erfährt. Im Jahre 1513 ent⸗ ſandte Kaiſer Max einen Beamten Hans Mue(oder Mueyg) nach Straßburg mit dem Auftrag: „Er ſoll auch fleißig fragen nach dem Doctor zu Straßburg, der das ander Narrenſchiff gemacht hat, und ſo er den erfahrt, ſo ſoll er an Meiſter und Rath begern, daß ſie mit demſelben verſchaffen, daß er ſich zu Kayſerl. Majeſtät fueg, dann ſein käyſerl. Majeſtät ihne in etlichen Sachen brauchen werde, die ihm auch zu nutzen dienen werden.“ Mit Recht vermutete M. Spanier(Beiträge zur Geſchichte der deutſchen Sprache und Literatur, XVIII 1894, 4, Max habe Murner in ähnlicher Weiſe wie Melchior Pfintzing(ſeit 1513 in Nürnberg) in literariſchen Angelegenheiten verwenden wollen. Des Rätſels Löſung iſt gefunden, wenn wir aus A. Le Waitte, historia Camberonensis, Paris 1672, 127 sq.!¹) erfahren, daß Kaiſer Maximilian 1513 als Wallfahrtsgaſt im Kloſter zu Camberon weilte, beim Anblick des Bildes von großem Eifer gegen die Bosheit des Miſſethäters erfüllt wurde und ein Gemälde mit der ganzen Judaica tragoedia herſtellen, bezw. das alte erneuern ließ(letzteres geſchah 1514). Was lag näher, als daß der Kaiſer, noch erfüllt von den bei ſeinem Beſuche in Camberon gewonnenen Eindrücken, Murner beauftragte, die Geſchichte, die Maximilian gleichzeitig in Camberon und Kolmarz) malen ließ, nun auch poetiſch zu verherrlichens)? Die Bilder der„Ent⸗ ehrung“ ſind vermutlich Kopieen der auf Maximilians Befehl im Kolmarer Dominikanerkloſter ähnlich wie die dortigen Kreuzwegbilder!) von der auf Schongauer zurückgehenden Malerſchule ausgeführten Gemälde. Der erſte Teil des Gedichtes beginnt: Ach richer gott in ewigkeyt Wo ſchynet nit dyn barmhertzigkeyt; er ſchließt V. 827: in der ſchendtlichen vbel dadt. Der zweite Teil ſchließt: Sy iſt das kleinöt hie vff erden da durch wir mieſſen ſelig werden(V. 1534). Amen.
Wir ſchließen die gedrängte üÜberſicht über die Schätze der Kirchenbibliothek mit einem Hin⸗ weis auf einige Werke, deren Beziehungen zum Gräflich Erbachiſchen Hauſe merkwürdig ſind. Eine nach einem alten Verzeichnis früher vorhandene Schrift des fünfzehnjährigen in Straßburg ſtudieren⸗ den Grafen Johann Kaſimir, ein Carmen elegiacum: Adhortatio ad studia literarum Illustris ac generosi Du. Joan. Casimiri Com. ab Erpach et Dn. in Breubergk publice recitata Straß⸗ burg 1599(libr. philos. in 4⁰. 39.) iſt nicht mehr vorhanden, doch gelangte der Druck durch Tauſch mit der Straßburger Bibliothek in das gräfliche Geſamthausarchiv zu Erbach. Zwei Schriften ſind dem
¹) Die beiden die Überlieferung von Camberon bergenden Schriften, Le Waitte, Historia und W. Caoult, Miracula quae.. apud Camberones effulsere, Duaci 1606 und Köln 1607 wurden mir in liebenswürdigſter Weiſe von der Berliner Königlichen und der Kölner Stadt⸗Bibliothek zur Verfügung geſtellt.
.²) In Kolmar hat ſich nichts davon erhalten; nicht einmal eine Tradition kennt F. X. Kraus, Kunſt und Alter⸗ tum in Elſaß⸗Lothringen II, 1. Mag die Bilderreihe wie in Camberon(ſ. die moderniſierte Folge in der Historia Cam- beronensis) an einem Altar oder an der Kirchhofmauer angebracht geweſen ſein, ſie wurde ſpäteſtens am 29. Nov. 1792 mit allen„angemahlten und ſteinernen Bildern an den Häuſern und Kirchen zerſtört“(Kraus 243).
³) Zugleich mag der Kaiſer Murner auch zur Üüberſetzung von Vergils Aeneis aufgemuntert haben, die im Jahre 1515 mit einer Widmung an Kaiſer Max vom 15. Auguſt erſchien, deſſen„gefliſſenen Caplon“ ſich Murner hier nennt. ⁴) Von letzteren betont Moßman p. 18, ſie ſeien in ihrer Darſtellung geeignet geweſen, zum Judenhaß aufzureizen.


