geilage zum Jahresbericht der Großherzoglichen Realſchule in Michelſtadt. Oſtern 1902.
Mlitteilungen über die Michelſtädter Kirchenbibliothek. Von Hberlehrer Adam Klaſſert.
Die wertvollen Bibliotheken der Benediktinerklöſter zu Lorſch und Seligenſtadt,¹) die unter den Karolingern auf heute Großherzoglich Heſſiſchem Gebiet angelegt wurden, ſind längſt den Zeit⸗ ſtürmen zum Opfer gefallen. Dagegen hat ſich auf früher Lorſcher,²) ſpäter Gräflich Erbachſchem Gebiete in Michelſtadt eine aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters ſtammende Bücherſammlung in ihrem Beſtande im weſentlichen ungemindert bis auf unſere Tage erhalten. Die folgenden Mit⸗ teilungen ſind das Ergebnis der Studien, die ich dank dem freundlichen Entgegenkommen des Vor⸗ ſtandes der Michelſtädter Kirchenbibliothek, Herrn Oberpfarrer Marguth) in den letzten Jahren in der ehrwürdigen Stiftung machen durfte, eine nachträgliche Erinnerungsgabe zur Feier des vier⸗ hundertjährigen Beſtehens der Matzſchen Stiftung. An einen Rückblick auf die Geſchichte der Biblio⸗ thek, bei welchem die dem handſchriftlichen Katalog voraufgehenden Aufzeichnungen des früheren Bibliothekvorſtandes, des † Oberpfarrers Wagner verwertet wurden, ſoll ſich eine Zuſammenſtellung der Handſchriften, Erſtlingsdrucke und einiger anderen intereſſanten Werke der Michelſtädter Biblio⸗ thek anſchließen.
Geſtiftet wurde die Kirchenbibliothek zu Michelſtadt nach der unten mitgeteilten Urkunde am Montag vor dem 7. Dezember(Ambroſiustag) 1499 durch den aus Michelſtadt gebürtigen Doktor der freien Künſte und, der heiligen Schrift Nikolaus Matz, der zu jener Zeit in Speyer als Sexpräbendar lebte. Über die Perſon des Stifters wiſſen die Bearbeiter der Erbachiſchen Geſchichte nur ſehr wenig zu ſagen. Während Daniel Schneider S. 267 ſich nicht erklären kann,„wodurch Matz zur Vorſorge für Michelſtadt bewogen worden ſei“, weiſt Luck, Erbachiſche Reformationsge⸗ ſchichte S. 70 zwar auf die Herkunft des Stifters aus Michelſtadt hin, verſetzt aber die Stiftung irrtümlich in das Jahr 1470. Noch 1858 ſpricht G. Simon S. 67 von dem Domherrn Matz zu Speyer, der ein geborener Michelſtädter„geweſen ſein ſoll“.
Durch Dr. W. Liſt aus Erbach i. O., Bibliothekar an der Univerſitäts⸗ und Landes⸗Biblio⸗ thek in Straßburg, wurde der frühere Vorſtand der Michelſtädter Bibliothek auf die Angaben auf⸗ merkſam gemacht, die ſich in Heinrich Schreibers Geſchichte der Albert⸗Ludwigs⸗Univerſität Frei⸗ burg i. Br. I. 1857, 115— 118 über Matz' akademiſche Thätigkeit finden,*) während Profeſſor Franz Falk, Archivar der Diözeſe Mainz, in den unten genannten Aufſätzen einige Notizen aus Rieggeri Amoenitates Friburgenses I 1779, 8. 63 verwertet hat. Nach den Freiburger Univerſitätsakten war Matz um 1443 in Michelſtadt geboren, hatte 1457 die Univerſität Wien bezogen, wo er 1459 Magiſter in den freien Künſten, 1469 Baccalaureus wurde, nachdem er zur Theologie übergegangen
¹) Die Mönche zu Fulda pflegten noch zu Einhards Lebzeiten aus der Seligenſtädter Bibliothek nach einem in Fulda befindlichen Katalog Handſchriften zu entleihen. Vgl. Friedr. Kurze, Einhard, Berlin 1899, S. 80.
²) Vgl. Felix Schreiber, Die Mark Michelſtadt, Einhards Vermächtnis an das Kloſter Lorſch. Programm des Gymnaſiums zu Schleuſingen, 1896, Nr. 225.
³) Der Verwaltung der Kirchenbibliothek ſei auch an dieſer Stelle für die mir ſtets gewährte freundliche Unter⸗ ſtützung herzlicher Dank geſagt.
4) Z. T. verwertet von Georg Schaefer, Kunſtdenkmäler des Kreiſes Erbach, 1891, 187, wo ſich auch die ſeitdem beſtätigte Angabe findet, Matz ſei„einige Zeit vor Ausbruch der Reformation“ geſtorben.
1902. Progr. Nr. 724.


