Aufsatz 
Mitteilungen über die Michelstädter Kirchenbibliothek / von Adam Klassert
Entstehung
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kleiner Orte der Segen, den Gutenberg angeſtrebt, nicht vorenthalten bleibe. Wenn man bedenkt, welche Umſtände mit dem Entleihen eines Buches noch kurze Zeit vorher verknüpft waren, ſo wird man auch das Anketten der 117 geſchenkten Bände und die ſtrengen Beſtimmungen bezüglich des Ausleihens von Büchern erklärlich finden. Hatte doch noch im Jahre 1454 Schenck Philipp(III), Herr von Erpach, als er für ſeinen Sohn, Schenck Konrad(X), Propſt zu Mainz, von ſeinem Vetter Schenck Konrad(IX), Herrn zu Erpach vier kirchenrechtswiſſenſchaftliche Werke entlieh, 200 Gulden als Unterpfand geben müſſen; außerdem mußten ſich zwei adelige Herren für die un⸗ verſehrte Rückgabe verbürgen, welche auf Erfordern jeder mit einem reiſigen Knechte dem Schencken Konrad(IX) Leiſtung thuen wollten, wenn die Bücher nicht richtig zurückgegeben würden!¹). Es war alles Mögliche, daß die Bibliothekordnung jedem, der Latein verſtand(gelert war), er mochte Prieſter oder Laie ſein, das Arbeiten in der Bibliothek erlaubte. Daß die Bücherſammlung in erſter Linie den Geiſtlichen zugute kommen mußte, leuchtet ebenſo ein, wie daß mittelbar aus deren Studien die ganze Gemeinde Nutzen ziehen konnte. Die aus der Matzſchen Stiftung ſtammenden Werke zeigen ähnlich wie Dr. Franz Falks 1879 erſchienene SchriftDie Druckkunſt im Dienſte der Kirche, daß die Erſtlinge der neuen Erfindung der Theologie gewidmet waren. Neben lateini⸗ ſchen Bibeldrucken ſehen wir die deutſche Überſetzung, die 1477 bei Anton Sorg in Augsburg erſchien, neben einzelnen Werken Auguſtins ſolche von Bonaventura und Thomas von Aguin, neben Werken, die das Kirchenrecht oder die Kirchengeſchichte behandeln(Euſebius; Petrus Comeſtor) die gewaltigen Bände theologiſcher Sammelwerke wie Reynerus de Piſis und Antonin. Beſonders zahlreich iſt die Predigtliteratur vertreten, von dem Homiliarius Doctorum, den auf Befehl Karls des Großen der gelehrte Lombarde Paulus Warnefried, genannt Diaconus, geſammelt, bis auf den volkstümlichen Johannes Herold. Neben der Theologie fehlen aber die anderen Fächer nicht ganz. Wir finden Werke aus der weltlichen Rechtswiſſenſchaft, die Geſchichtswerke des Karthäuſers Werner Rolewinck (deſſen Fasciculus temporum trägt den Vermerk: Ego Nicolaus Ratge plebanus in Bisthoffsshem Emi fasciculum pro floreno et duobus albis anno domini 1477, 6. ante Symonis et Jude) und des Nürnberger Arztes Hartman Schedel(deſſen mit Holzſchnitten nach Wohlgemut und Pleyden⸗ wurf geziertes Buch der Chroniken iſt in der deutſchen und lateiniſchen Ausgabe von Schoensberger in Augsburg, 1496 und 1497 vorhanden), die Briefſammlungen Pius' II und des Barzizius, einzelne Werke von Plato und Ariſtoteles, Salluſt und Boethius, an Wörterbüchern und Enzyklopädien des Johannes Balbus Katholikon(in Kobergers Ausgabe, Nürnberg 1486), des Glanvilla Proprietates rerum und den Reuchlin zugeſchriebenen Vocabularius breviloquus. Im ganzen gibt die Sammlung, wie Falkz) bemerkt, das Bild einer wohl ausgeſtatteten Privatbibliothek des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Falk hat auch zuerſt auf die kulturhiſtoriſche Bedeutung der Matzſchen Stiftung hingewieſen: ſie gehört mit den 1450 in Ulm, 1484 in Frankfurt am Main gegründeten Bibliotheken zu den erſten Beiſpielen eineröffentlichen Bibliothek, ſie ſollte in ihrer Art dem wißbegierigen Kleinſtädter dieſelben Dienſte leiſten wie heuzutage Konverſationslexikon und Volksbibliothek.

Da übrigens dem Stiftungsbrief kein Bücherverzeichnis beigegeben, wenigſtens nicht erhalten iſt, ſo können wir heute nicht mit untrüglicher Sicherheit ſagen, welche von den vorhandenen 162 Inkunabeln und welche Handſchriftbände von Matz geſchenkt wurden. Immerhin wird Daniel Schneider die meiſten der von ihm im Urkundenbuch(S 532 f.) verzeichneten 55 Nummern der Matzſchen Schenkung mit Recht zugerechnet haben, von welchen manche Bände noch die eiſernen Bügel zeigen, an welchen ſie angekettet waren. Auszunehmen ſind ſicher die vorhandenen drei Meßbücher (Nr. 2, 3, 4.), von welchen das in Baſel nach Falks Nachweis von Bernhard Richel 1486 für die Mainzer Kirche gedruckte der Pfarrei Michelſtadt gedient hat, wie die Aufſchrift bezeugt; dies Buch enthält die von Schneider(Urkundenbuch) 338 f.) wiedergegebene Familienchronik des Grafen Eberhard I zu Erbach, die bis Quaſimodi 1523 geführt iſt(A 27). Das mit A 6 bezeichnete pracht⸗

¹) G. Simon, Erbachiſches Urkundenbuch, Frankfurt 1858, S. 270; die Quittung trug die Siegel von Vater, Sohn und zwei Bürgen!

²) Vgl. deſſen Abhandlungen: Zur Geſchichte der öffentlichen Bibliotheken im Hiſtor. Jahrbuch der Görres⸗ geſellſchaft I, Münſter 1880, S. 297304, ſowie Hiſtoriſch⸗politiſche Blätter, München, B. 77, S. 306. In dem von Falk zitirten Serapeum, Leipzig 1858, 19, 22 liefert Heſſe nur einen Abdruck aus Schneiders Urkundenbuch, S. 531 ff. Nr. 20, 4. 5. In den Literar. Blättern(Neuer Allgem. Lit. Anzeiger) Nürnberg 1805, B. 5, 134 143 druckt Böttger (Herborn), ebenfalls ohne die Michelſtädter Bibliothek geſehen zu haben, Schneiders Urkunden nach, um ſo für die von ihm behandelten libri prohibiti(angeketteten Bücher) ein Beiſpiel aus Deutſchland zu bieten.