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Vogteigerichte lassen spätere Urkunden unzweideutig erkennen. So werden in einem Edikt Heinrichs II. vom Jahre 1023(C. L. Nr. 95), das wegen beständiger Friedens- brüche zwischen den familiae(unfreien Muntleuten) des Bischofs von Worms und des Abtes von Lorsch erlassen wurde, die beiderseitigen advocati aufs eindring— lichste ermahnt, alle innerhalb ihres Bezirks(in advocatione) begangenen Frevel (omnis injustitia) unnachsichtlich zu ahnden. Insbesondere werden als Strafe für Hausfriedensbruch, begangen in vermessener Absicht(ausu temerario) und mit be— waffneter Hand, um einen Menschen zu töten oder zu berauben, im Falle des Miß-— lingens(wenn der Angegriffene nicht zu Hause ist) schimpfliches Scheren und Schinden(tollere capillos et corium), d. h. Strafe an Haut und Haar für alle Betei- ligten und für den Anstifter(dux et princeps, auctor) noch Brandmarkung mit glühendem Eisen auf beide Backen(combustio), im Falle des Gelingens(Tot— schlags) aber für alle Teilnehmer die beiden Strafen und für den Urheber außer- dem noch die Entrichtung eines Wergeldes an den Herrn des Erschlagenen und eine entsprechende Sühne an seine Verwandten festgesetzt, während die Tötung ohne böse Absicht(innocens) an einem beliebigen Orte dem Falle des Mißlingens ent- sprechend behandelt werden soll. Indes soll auch die Ablösung durch Geld(compo— sitio) zulässig sein, und werden als Bußtaxen 10 Pfund Denare, d. h. 10% 240= 2400 Silberpfennig à 15 Pfg. Silbergewicht jetziger Prägung, also ca. 360 Mk., aber bei dem damaligen Silberwerte etwa das Zehnfache dieser Summe angesetzt, eine Strafe, die von den Beteiligten wohl kaum aufzubringen war. Da nun vermessent- liche Tötung, Hausfriedensbruch und Raub sich nach germanischem Recht als schwere Friedensbrüche qualifizierten, so hätten sie selbst bei der milderen Auffassung des Mittelalters von amtswegen durch die öffentliche Macht geahndet, also vor dem öffentlichen Gerichte der Grafen verhandelt werden müssen¹), wie dies auch aus Urkunde Nr. 110 unter Heinrich III. ersichtlich ist, wo sich ein gewisser Heinrich von Frummenstet in Thüringen nebst Nachkommen und Eigenleuten libera manu(mit freier Hand, d. h. durch symbolische Auflage der Hände auf den Hochaltar) in die Munt des Lorscher Abtes ergibt und ihn als selbsterwählten advocatum et magi- strum anerkannt, exceptis quattuor causis, sc. vitae, de furto, de praeda et si quid de rebus ecclesiae(Lorschs) agendum fuerit, in welchen Fällen sie vor dem öffent- lichen Gerichte verantwortlich(placiti cogendos) sein wollen.
Dieselbe Kompetenzerweiterung zeigt ein Erlaß Heinrichs IV. 1046(C. L. Nr. 121), worin er omne jus, quod ad nostram regalem respicit manum, in mancipiis ad curtem Gannitam(Gent) nominatam pertinentibus dem Kloster Lorsch überträgt, ea sc. ratione, ut nullus comes, vicecomes aut alia quaelibet judiciaria persona in eis- dem mancipiis aliquam deinceps habeat sui juris exercendi potestatem sive ad placi- tum suum constringendi seu bannum persolvendi(Königsbann ausüben), nisi prae— dictus abbas suique successores et quem ipsi(sc. abbas et successores) advocatum elegerint.
Und endlich zwingt uns eine Urkunde vom Jahre 1071(C. L. Nr. 131) geradezu, dem Fürstabt von Lorsch die volle Gerichtsbarkeit zuzusprechen. Denn hier befreit
¹19) Schröder D. R.§ 12 u. 36.


