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spätere Bauperiode, d. h. auf eine spätere Erweiterung des ursprünglichen Chor-— raumes(Querschiffs) nach Osten hin. In der Mittellinie des älteren Chorraumes (Querschiffs) lag eine gemauerte Gruft, 2 m lang, 0,7 m breit, 0,3 m tief, die zur vorübergehenden Aufnahme eines Sarges gedient haben, aber dann sorgfältig wieder eingefüllt worden sein muß, da keine Leichenreste noch Scherben oder Schutt sich darin zeigten.
Drängt sich unter diesen Umständen, bei der wunderbaren Ubereinstimmung der Lorscher Tradition und den Angaben der Urkunden mit den Tatsachen einer umsichtigen Ausgrabung nicht förmlich die Überzeugung auf, daß hier das praedium Lauresham der Williswinda und ihres Sohnes Kankor gegeben ist, daß hier die erste Lorscher Kirche stand, die von beiden zu Ehren des hl. Petrus und Paulus errichtet wurde, und daß hier die Gebeine des hl. Nazarius seit ihrer Ubertragung von Gorze ruhten, bis sie am 1. September 774 in die neuerbaute Kirche derselben Apostelfürsten Petrus und Paulus auf dem jetzigen Lorscher Klosterhof überführt wurden und dieser neben der offiziellen Benennung nach ihren Titularheiligen den inoffiziellen Namen Nazariuskirche verliehen? Wenn in solchen Fragen überhaupt ein schlüssiger Beweis erbracht werden kann, dann ist er hier von objektiver Quellen-— kritik und dem Spaten erbracht. Weitere Beweise werden im Laufe dieser Unter- suchung noch erbracht werden.
§ 3. Die Zeit der Erbauung des Altenmünsters und der Nauzariuskirche.
a. Die Chronologie.
Die chronologischen Angaben des Codex Laureshamensis sind, wie schon seine alten Herausgeber beobachteten, vielfach verworren und unzuverlässig, teils aus Unkenntnis der späteren Mönche hinsichtlich der wirklichen Regierungszeit früherer Könige und Kaiser, teils infolge Anwendung verschiedener Datierungsweisen bei einem und demselben Fürsten, z. B. Ludwig dem Deutschen, teils aus Flüchtig- keit und Ermüdung des Verfassers der Chronik und des Kopialbuches:i), teils endlich wegen schwerer Entzifferbarkeit vergilbter oder fast unleserlich gewordener Akten- stücke.
Eine recht mühselige Prüfung sämtlicher Zeitangaben der Chronik wie der Urkunden, deren Einzelbeobachtungen hier alle aufzuführen nicht der Ort ist, hat mich hinsichtlich der für die Frühgeschichte des Klosters Lorsch sehr wichtigen Be-
¹) Die ganze Chronik und der größte Teil des Kopialbuches(bis Nr. 3683) stammen von einer Hand, während eine zweite und jüngere die Notitiae traditionum d. h. einen kurzen Auszug schon mitgeteilter Urkunden— Nr. 3684— 3800— bringt und von einer dritten und letzten Hand die Tradi- tiones posteriores aufgezeichnet sind, Nr. 3810— 3836, worunter Nr. 3834 das Datum 1270 trägt. Cf. Falk S. 176, Anm. 49,6.


