Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des Klosters Lorsch : 1. Teil / Friedrich Kieser
Entstehung
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Insbesondere stellte das praedium Lauresham einen geschlossenen Gutshof dar, der nach der oben angeführten Urkunde nur südlich von dem genannten rubus ge legen haben kann, d. h. auf einer Insel der Weschnitz selbst oder einer solchen zwischen Weschnitz und Lorscher See.

Zu diesem Beweis aus der Lorscher Tradition und einer alten Urkunde selbst gesellt sich nun aber noch ein viel gewichtigeres Zeugnis, nämlich die geologische Beschaffenheit des fraglichen Geländes und dieWissenschaft des Spatens.

Etwa 1 km südlich vom Sachsenbuckel, im südlichen Teil der Gemarkung Lorsch, genanntDas Bruch, das zwischen der alten Weschnitz und der jetzigen Gemarkung Seechof, früher Lorscher See, sich bis an die badische Landesgrenze in der Nähe von Hüttenfeld hinzieht, erstreckt sich eine etwa 1 km lange Boden- erhöhung, die schon durch ihre Gestalt die Blicke des Beobachters fesselt. Sie ragt über ihre Umgebung teilweise nicht unbeträchtlich hervor, trotzdem auf ihr stellen- weise Abtragungen bis zu 1 ½ m Höhe stattgefunden haben. Geologisch betrachtet stellt sie sich dar als eingeebneter humoser Flugsand, rings umgeben von verlande ten alten Fluß- und Bachläufen, mit teilweisen Ablagerungen von altem Flußschlick des Neckars. Dies deutet augenscheinlich auf eine ehemalige Insel hin, die von fließen- dem Wasser umgeben war.

Auf ihrem südlichen Ende, beim sog. Pferdehäuschen, lagen seit langer Zeit zahlreiche Uberreste prähistorischer, römischer und mittelalterlicher Kultur offen zu tage, durch welche die Habgier von Schatzgräbern wie das wissenschaftliche Inter- esse von Forschern angeregt wurde. Endlich unternahm Gieß im Jahre 1904 um- fassende Nachgrabungen, deren Ergebnis von demselben in der ZeitschriftVom Rhein, 1. u. 2. Heft 1905 dargelegt und in denBeiträgen zur Erforschung der ältesten Ansiedlungen und Verkehrswege in der Umgebung von Heppenheim a. d. B. nochmals zusammengefaßt wurde.

Diese Ausgrabungen erweisen die Insel, namentlich in ihrem südlichen Teil, als uralten Kulturboden. Uber einer prähistorischen Siedelung, die eine Feuerstelle, eine Wohngrube, verschiedene Pfostenlöcher und eine Menge von Scherben auf einer Fläche von über 200 m zerstreut zeigt, befinden sich römische Bauten mit Resten einer Hypokaustenanlage und ein römischer Brunnen mit viereckiger Holzverscha- lung in seinem unteren Teil. UÜber diesem Brunnen, der etwa 150 m nördlich von den Römerbauten liegt, traten bei der Untersuchung die Grundlinien einer christ- lichen Kirche zutag, an welche auf der Nordseite mittelalterliche Wohnbauten mit Wirtschaftsgebäuden(um das Pferdehäuschen herum) sich anschlossen, während zugleich an der Süd- und namentlich der Nordseite ein Begräbnisplatz mit zahl- reichen Gräbern aufgedeckt wurde. Die Kirche ist dreischiffig, in Langhaus und Querschiff gegliedert, nach Osten orientiert, und eine Vorhalle im Westen vorge- lagert. Grundriß und Maßverhältnisse erinnern an die Einhardsbasilika zu Stein bach i. O. und die Michaelskapelle auf dem Heiligenberg gegenüber Heidelberg. Dem Querschiff sind 3 Apsiden als Chor nach außen angegliedert, aber ein Mauer- zug im Mittelraum des Querschiffes, die halbe Leibung einer Apsis darstellend, zeigt, daß ursprünglich das Halbrund nicht über die Fluchtlinie der Querschiffabschluß- mauer hervortrat, sondern eine Innenapsis bildete. Dies weist auf eine frühere und