Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des Klosters Lorsch : 1. Teil / Friedrich Kieser
Entstehung
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Niederung hin eine mächtige Umfassungsmauer, im Westen die berühmte Torhalle und inmitten des Klosterbezirkes, der sich auch noch etwas nordwärts der Land- straße erstreckte, drei Joche des Mittelschiffes der ehemaligen Nazariuskirche ein lautredendes Zeugnis ablegen.

Doch ist in diesem hochgelegenen Klosterbezirk nicht die älteste Klosteran- lage zu suchen. Die gesamte schriftliche Uberlieferung behauptet übereinstimmend, daß das älteste Kloster(vetus monasterium), gewöhnlich kurz Peterskloster ge- nannt, während es eigentlich in honore beatorum apostolorum Petri et Pauli vel caeterorum sanctorum errichtet wari), an einer anderen Stelle gelegen habe. Da dieser Ort aber von den Gelehrten verschieden bestimmt wird und in aller jüngster Zeit Karl Christe) diese Uberlieferung überhaupt als unglaubwürdig, ja als beabsichtigte Fälschung darzustellen gesucht hat, so muß ich zu dieser Frage prinzipielle Stellung nehmen. Ich lasse mich hierbei von dem methodisch wohl un- anfechtbaren Grundsatze leiten, daß die Oberlieferung so lange als glaubwürdig zu betrachten ist, bis überzeugende Gründe das Gegenteil anzunehmen zwingen, und hoffe auf Grund dieser Uberlieferung im Bunde mit den Urkunden die Streitfrage einer Lösung entgegenführen zu können.

Die Lorscher Annalen, die im 9. Jahrhundert, also zu einer Zeit entstanden sind, welche der Gründungszeit des Klosters noch verhältnismäßig nahe lag, und die den wahren Sachverhalt noch wissen mußten, berichten ausdrücklich, daß Abt Gundeland 775 das Kloster Lauresham auf eine Erhöhung verlegte(mutavit in mon- tem)²). Wenn auch das Jahr 775 falsch ist, wie unter§ 3 nachgewiesen wird, so geht doch aus der Notiz hervor, daß die älteste Klosteranlage in einer Niederung lag, der gegenüber der c. 18 m höher gelegene Sandhügel, auf dem das spätere Kloster erstand, als mons(Anhöhe) erscheinen mußte).

Obereinstimmend mit dieser Uberlieferung erklärt der Verfasser des Chroni- con Laureshamense, ein Mönch, der ca. 1180 auf Grund der mannigfachsten Ur- kunden der Lorscher Klosterbibliothek eine Geschichte des Klosters bis auf seine Zeit schrieb und seinem Traditions- oder Salbuches), in welchem die Erwerbsur- kunden abschriftlich oder im Auszuge zusammengestellt wurden, voranschickte, zu wiederholten Malen, daß das älteste Kloster auf einer Weschnitzinsel lag und(im Gegensatz zu dem jüngeren Kloster des hl. Nazarius) vetus monasterium oder Alden- munster genannt wurde. So sagt er S. 2, daß Williswinda das monasterium Laures- ham in insula, quae(die Insel) nunc appellatur Aldenmunster, dem Metzer Erz- bischof Ruotgang übergab, so S. 7, daß quia sinus insulae illius, brevis admodum

¹) Codex Laureshamensis, editio Mannhemiensis 1768/70, Urkunde Nr. 5. ²) Der Anfang des Klosters Lorsch und seines Bezirkes, sowie Altenmünster. Zeitschrift Vom Rhein 1907, Nr. 156. ) Mon. Germ. hist. Script. I pag. 30 und 296. ¹) Wenn Christ IJ. c. S. 2 ausruft:So(nämlich mons) wird der Lorscher Sandhaufen tituliert, so vergißt er, daß mons jede Erhöhung bedeutet, die aus der Ebene(plana) e-minet, und daß ebensowenig das septimontium von Rom wie der mons sacer in seiner Nähe Berge in unserem Sinne sind. Die unbequeme Notiz aber einfach alswohl eine spätere, den Angaben des Lorscher Chronisten des 12. Jahrhunderts entnommene Zutat ohne Beweis abzutun, ist u. E. nicht zulässig.) Ahd. sala= traditio; got. saljan= tradere. Chronik und Urkunden sind zu- sammen abgedruckt in dem Codex Laureshamensis Diplomaticus, Mannheimer Ausgabe 1768/70,

3 Bände, Tegernseer Ausgabe 1767, 1. Band, unvollendet. Ich zitiere der Einfachheit halber nur nach ersterer Ausgabe.