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eine umfassende seelsorgerische Tätigkeit. Im Geiste der Arbeit lichtete es Wälder, verwandelte Sümpfe und Einöden in fruchtbares Ackerland, lehrte eine rationellere Bearbeitung des Bodens für Frucht, Wiesen, Gemüse, Obst und Weinbau, richtete vorbildliche Höfe und Musterwirtschaften ein, regelte den Geldverkehr durch Grün- dung von Münzstätten und Wechselbanken, förderte das Handwerk und den Waren- austausch durch Anlage von Straßen und Brücken oder Errichtung von Märkten, bot den Uberresten der antiken Kultur eine Heimstätte, pflegte Künste und Wissen- schaften, sorgte für Büchereien und gedeihlichen Unterricht. Im Geiste der Nächsten- liebe nahm es die wirtschaftlich Schwachen gegen Gewalttätigkeiten und Räubereien der Mächtigen in Schutz, verlieh den größten Teil seines Grundbesitzes gegen die Auflage gemessener Frondienste oder gegen mäßigen Zins in Zeit und Erbpacht, öffnete in Zeiten des Mißwachses und der Not bereitwillig seine Keller, Ställe, Speicher und Scheunen, sorgte für eine unparteiische und humane Handhabung der Rechts- pflege, bot Armen, Kranken, Altersschwachen und Verlassenen die rettende Hand oder lindernden Trost. Im Geiste der Vaterlandsliebe endlich stand es unentwegt zu Kaiser und Reich, denen es gegenüber der Selbstsucht und Unbotmäßigkeit der Großen im Innern und dem Haß der Feinde von außen in selbstloser Opferwilligkeit und unwandelbarer Vasallentreue fast bis zur Erschöpfung seiner Kräfte diente.
Leider ist es mir nicht vergönnt, unter diesen Gesichtspunkten jetzt schon eine abschließende Geschichte des Klosters Lorsch zu schreiben; denn noch be- dürfen recht viele Fragen einer erneuten Untersuchung und endgültigen Lösung. Ich muß mich daher begnügen, nur einige anspruchslose Beiträge zu liefern, die, so hoffe ich, nach beiden Richtungen hin nicht ganz überflüssig sein dürften.
I. Kapitel. Die Gründungsgeschichte des Klosters Lorsch.
§ 1. Altenmünster als Mutterkirche des Nazariusklosters.
Wenn man auf der Landstraße Bensheim—-Worms eine Zeit lang gegen Süd- westen gewandert ist, wird der Blick unwillkürlich von einer langgestreckten, teil- weise unterbrochenen Sanddünenkette angezogen, die in nord-südlicher Richtung dahinziehend, bis 18 m Höhe das Vorgelände überragt, welches als tiefer Wiesen- grund oder Ackergelände von der Weschnitz und dem Landgraben durchflossen ist. Sobald die Straße die nahe bei einander gelegenen Brücken über diese beiden Ge- wässer überschritten hat, durchschneidet sie die genannte Sanddüne, hinter der das Städtchen gleichsam wohl geborgen ruht. Unmittelbar an diesem Durchschnitt liegt südwärts über der 1842 gebauten Straße auf erhöhtem Gelände das Kloster Lorsch, von dessen verschwundener Pracht und Größe jetzt nur noch im Osten gegen die


