Aufsatz 
Geschichtsunterricht an höheren Schulen nach Grundsätzen von Herbst
Entstehung
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Stellung ein. Außerdem ſtehen alle Völker in dem innigſten, früher nie dageweſenen Wechſel⸗ verkehr in Anſehung des politiſchen wie ſocialen Lebens. Mithin ſind die ſtaatlichen Ver⸗ hältniſſe in ungemein höherem Maße, wie ehedem, von fremden Einflüſſen abhängig und die Entwicklung eines Staates kann nur demjenigen klar werden, der jene genügend ver⸗ ſtanden hat. Die Vorführung der neueren und neueſten Geſchichte aller Kulturvölker in weiterer Ausdehnung iſt aber für die Schule offenbar ein Ding der Unmöglichkeit. Das Penſum wäre in der zur Verfügung Leſtellten Zeit unerreichbar; den Schülern würde bei dem überreichen Stoff, verteilt auf die entlegendſten und heterogenſten Länder und Staaten, jeder Verſuch der Orientierung mißglücken. Trotz alledem muß aber der Lehrer der neuen Geſchichte den univerſalgeſchichtlichen Standpunkt als den der Wirklich⸗ keit entnommenen und mithin einzig richtigen ſtets wahren, ſelbſt wenn er ihn nur durch⸗ blicken läßt. Es war alſo eine nicht geringe Aufgabe für die Pädagogen, dieſen beiden An⸗ ſprüchen gerecht zu werden. Die einen hatten nur unzulängliche Ratſchläge, die anderen hielten die Lösbarkeit dieſer Aufgabe ſchlechterdings für unmöglich. Herbſt hat dieSkepſis und den negativen Idealismus der letzteren glücklich vermieden und einen Ausweg ge⸗ funden, der ſeine große ſchulmänniſche Begabung glänzend beweiſt. Sie äußert ſich für unſeren Fall darin, einen Gegenſtand der Wiſſenſchaft in maßvoller, weiſer Beſchränkung der Schule als nutz- und brauchbar zugänglich zu machen, ohne das Weſen und den Charakter desſelben irgendwie zu alterieren. Dies erreicht Herbſt durch ſeine ſogenannte Gruppen⸗ bildung. Der Knunſtgriff beſteht in der Abhebung der die Geſchichte jeweilig be⸗ herrſchenden Ideeen und in ihrer praktiſchen Vorführung an denjenigen Staaten, die ſie am klarſten vertreten. Gerade deswegen konnte es Herbſt nur auf wirklich weltbewegende geſchichtliche Vorgänge abgeſehen haben; ſie nur ſind die pädagogiſch fruchtbarſten. Es entſpricht alſo dieſem ganzen Plane, wenn die neue und neueſte Geſchichte in drei große Perioden eingeteilt wird, in die des Zeitalters der Reformation, der abſoluten Monarchie und der Revolution. Jede dieſer drei Perioden repräſentiert eine Idee, es kommt nun darauf an, für ein Zeitalter ſolche Ereigniſſe aus denjenigen Ländern zu wählen, welche am beſten ge⸗ eignet ſind, zu zeigen, wie dieſe Ideeen in die Geſtaltung der Geſchichte eingegriffen haben ſowohl zur Zeit ihres Entſtehens, wie in ihren Folgen. In dieſem Sinne ergeben ſich bei Herbſt für die drei großen Perioden wieder je vier Unterabteilungen, die ich indes nicht näher anzuführen brauche.

Von dieſer Art der Beherrſchung des Steffes iſt das Verfahren beim Unterricht ſelbſt verſchieden. Die allgemeinſte und zugleich am wenigſten beſtreitbare Forderung iſt die einer Behandlung im pragmatiſchen Sinne. Wenn auch auf den unteren Stufen beim erſten Kurſus die unmittelbare Berichterſtattung und die cedächtnismäßige Aufnahme der ge⸗ ſchichtlichen Thatſachen und Jahreszahlen wohl die Hauptſache iſt und als unentbehrliche Vorausſetzung zum zweiten Kurſus gilt, ſo ſoll doch auch dort ſchon ſoviel wie thunlich der intellektuellen Erfaſſung Bahn gebrochen werden. Um ſo mehr wird in den oberen Klaſſen darauf hin zu arbeiten ſein, daß bei Erzählung der geſchichtlichen Vorkommniſſe, wo überhaupt möglich, das Verhältnis zwiſchen Urſache und Wirkung ſtets ſcharf hervor⸗ gehoben werde. Der Lehrer muß natürlich in dem Inhalt ſeiner Erklärungen mit dem jeweiligen Stand der Ergebniſſe unſerer wiſſenſchaftlichen Quellenforſchung gleichen Schritt halten.