Aufsatz 
Geschichtsunterricht an höheren Schulen nach Grundsätzen von Herbst
Entstehung
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häuslichen Fleiß anvertrauten Quellenlektüre eigentlich nur für die alte Geſchichte geltend), für die mittelalterliche und neue fehlen mehr oder weniger die nötigen Vorbedingungen. Die Erklärung von paſſenden Stücken aus der mittelhochdeutſchen Dichtung hält Herbſt freilich für das Allergeringſte, was in dieſer Beziehung geleiſtet werden muß. Eine be⸗ ſtimmte Auswahl aus den Quellen iſt nützlich, aber nicht notwendig. Als Erſatz kann das Studium der nach Quellen bearbeiteten großen Geſchichtswerke dienen.

Im engſten Zuſammenhang mit dem Geſchichtsunterricht ſteht der Unterricht in der Geographie. Hiſtoriſche Atlanten ſind für erſteren unentbehrlich; letzterer iſt nicht allein für das Verſtändnis der Geſchichte unbedingt notwendig, ſondern auch umgekehrt, der geo⸗ graphiſche Unterricht kann nur gedeihen, wenn er ſich an den in der Geſchichte eng an⸗ ſchließt.) Für die alte Geſchichte beſteht dieſer Anſchluß ſchon längſt; wer alte Geſchichte weiß, hat auch die Geographie inne. Es beruht dies darauf, daß keine nennenswerten geo⸗ graphiſchen Dinge nicht auch in hiſtoriſcher Beziehung wichtig wären. So geht hier die Geographie in der Geſchichte auf und umgekehrt. Dasſelbe Verhältnis will Herdſt auch auf die mittelalterliche und neue Geſchichte übertragen haben. Vor Beginn der Behand⸗ lung des Mittelalters ſoll deswegen die Geegraphie Deutſchlands nach allen Beziehungen durchbeſprochen werden, ebenſo für die neue Geſchichte die Geographie der Hauptkultur⸗ länder. Die Ergebniſſe des ſpeciellen Geographieunterrichts werden dadurch wieder auf⸗ gefriſcht und in gewiſſem Sinne auch erweitert. In der Schule würde aber dazu die Zeit fehlen; Herbſt ſchlägt deshalb vor, die Schüler ſollen ſich das in einem eigens darnach eingerichteten Buche zuſammengeſtellte Material privatim unter der Kontrolle des Lehrers aneignen. Dieſer Leitfaden ſoll in einer für die Schüler der oberen Klaſſen anregenden Form geſchrieben ſein. Herbſt meint damit vermutlich eine in der ganzen Anlage des Büchleins bervortretende Rückſichtsnahme auf die Wahrheit, daß zwiſchen der geographiſchen Beſchaffenheit eines Landes und der Geſchichte ſeiner Bewohner ein gewiſſes Abhängigkeits⸗ verhältnis herrſcht.

¹) Daß das vorgeſchlagene Verfahren nur unterſtützt wird, wenn der Unterricht in Geſchichte und klaſ⸗ ſiſchen Sprachen wenigſtens teilweiſe in einer Hand liegt, braucht nicht näher bewieſen zu wer den. Die urteils⸗ fähigſten Stimmen ſind dafür. Vgl. Ludwig Lange in der Leipziger Rektoratsrede vom 31. Oktober 1879 über Das Verhältnis des Studiums der klaſſiſchen Philologie auf der Univerſität zu dem Berufe der Gymnaſial⸗ lehrer. Auch unſer heſſiſches, vor etwa fünf Jahren gegebenes Prüfungsregulativ für die Candidaten des höheren Schulamts ging von jenem Grundgedanken aus.

²) Zur Vermeidung von Mißverſtändniſſen vgl. S. 10.

Wimpfen 1832. Druck der C. Dieterich'ſchen guchdruckerei.