Aufsatz 
Geschichtsunterricht an höheren Schulen nach Grundsätzen von Herbst
Entstehung
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Was ſpeciell das Prinzip anbelangt, das bei der Darſtellung des Zeitraumes ven 1815 1871 leiten ſoll, ſo beſteht dies darin, den deutſch⸗franzöſiſchen Krieg mit ſeinen unmittelbaren politiſchen Folgen als Fortſetzung und Vollendung der Ergebniſſe von 1815 zu betrachten. Alles Dazwiſchenliegende wird haupſächlich nur inſefern herangezogen, als es dazu dient, dieſen roten Faden fortſpinnen zu helfen. Recht glücklich und zugleich anregend für die Schüler durchkreuzt alſo hier der nationale Standpunkt immer den univerſal⸗ geſchichtlichen, ohne aber letzteren aufzuheben. Die Auswahl des Stoffes ſelbſt kann nach Maßgabe der zu Gebote ſtehenden Zeit und nach Gutdünken des Lehrers getroffen werden. Was Herbſt in ſeinem Buche giebt, würde als das Geringſte zu betrachten ſein.

Damit bin ich angelangt bei der Frage über den Vortrag überhaupt, oder vielmehr über die Art und Weiſe der ganzen Mitteilung des Lehrers dem Schüler gegenüver. Herbſt iſt kein Freund von der nur kontrollierenden Thätigkeit des Lehrers, die in dem Abfragen des im Schulbuch gebotenen Materials beſtände. Lehrbücher, die alles in gedehnter Ausführlichkeit darſtellen und dadurch dem Lernenden das anſtrengende, aber des⸗ wegen auch bildende Nachdenken erſparen, würden das Amt des Lehrers auf wenig würdige Leiſtungen reducieren und jenen eines äußerſt wirkſamen pädagogiſchen Mittels berauben, nämlich des lebendigen Wortes. Dieſes ſoll aber im Unterricht die Hauptrolle ſpielen. Die Kund⸗ gebung aus dem Munde eines Menſchen zündet überhaupt mehr, als der tote Buchſtabe ſchon für die intellektuelle Erfaſſung. Sodann können ſich aber die ethiſchen Momente, an denen die Geſchichte ſo reich iſt, in ganz anderer Weiſe geltend machen, wenn der Lehrer, die Seele der Schule, den Gegenſtand nicht immer mit kalter Objektivität, ſondern mit Begeiſterung beſpricht, mag nun Sympathie oder Antipathie aus ihm reden. Durch das eben gekennzeichnete Verfahren wird das geiſttötende Diktieren¹) ſchon von ſelbſt aus⸗ geſchloſſen. Wenn aber auch im Geſchichtsunterricht der perſönliche Faktor des Lehrers die Hauptrelle ſpielen ſoll, ſo iſt damit allein nech nicht gedient. Sowohl der Lehrer, als der Lernende bedarf eines ſicheren Anhaltspunktes. Dieſer beſteht in einem ſogenannten Hülfsbuch. Schon der Name drückt ſeinen Zweck aus. Es iſt ebenſoweit von einem alles bis ins Einzelne ausſpinnenden Buche entfernt, wie es ſich andererſeits von einer Tabelle weſentlich unterſcheidet. Die Tabelle ſelbſt iſt etwas zu Außerliches, als daß ſie allein genügen könnte. Sie würde nicht imſtande ſein, dem Schüler die nötigen Dienſte zu thun, wenn er zu Hauſe auf das vom Lehrer Erzählte ſich zu entſinnen beab⸗ ſichtigte. Es wäre ferner nicht möglich, ſich an der Hand einer Tabelle ſchon auf das nächſtfolgende Penſum einigermaßen vorzubereiten, worauf Herbſt großes Gewicht legt. Da⸗

¹) Es iſt dies die praktiſche Anwendung eines Grundſatzes, der übrigens für die meiſten Unterrichts⸗ gegenſtände gilt Heutzutage haben die höheren Schulen ungleich mannigfaltigeren Anſprüchen gerecht zu wer⸗ den als früher. Mehr Zeit ſteht der Schule trotzdem nicht zur Verfügung. Folglich muß kie Methode ver⸗ beſſert, beziehungsweiſe vereinfacht werden. Das ungeſchmälerte Penſum kann nur bewältigt werden auf dem kürzeſten Wege, der äußere Thätigkeit ſoviel wie möglich erſpart, umſomehr aber zu geiſtiger Arbeit nötigt. Kein Einwand iſt imſtande, dieſen Satz zu entkräften. Das zeitraubende Dikrieren und wiederholte Abſchreiben⸗ laſſen iſt alſo für den Geſchichtsunterricht unzuläſſig; es fördert mehr die Fingerfertigkeit im nachläſſigen Schreiben wie den Geiſt. Der dazu nötige Zeitaufwand ſteht niemals im richtigen Verhältnis zum erzielten Erfolg.