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anſehnliche Menge geſchichtlichen Stoffes, ſind aber nicht imſtande, den inneren Zuſam⸗ menhang der Dinge klar zu legen. Welches Bild von den Perſerkriegen würde der Quartaner bekommen, wenn man, anſtatt ihm den ganzen Vorgang lückenlos zu erzählen, ſich nur auf einzelne Lebensbeſchreibungen, wie die des Miltiades, Themiſtokles, Pauſanias beſchränken wollte? Die Tironen der Sekunda ſollen ein aufgeſchloſſenes Intereſſe für Geſchichte mitbringen. Schon deswegen iſt ein Geſchichtsvortrag, der die Kette der Einzel⸗ ereigniſſe aus biographiſchen Rückſichten zerreißt, nicht angebracht. Das biographiſche Moment ganz außer Acht zu laſſen, wäre ebenfalls verkehrt. Man muß es vielmehr mit glänzenden Farben hervorleuchten laſſen, beſonders in der neueren Geſchichte. Die feſſelnde Kraft des Vortrags wird dadurch weſentlich erhöht, eine Wirkung, welche der Lehrer für die alte und mittelalterliche Geſchichte einfach ſchon durch das Rekurrieren auf zugängliche Quellen und paſſende Hülfsmittel erzielt.“)
Ich gehe zur Darſtellung der Methode in den beiden oberen Klaſſen über. In Sekunda wird die griechiſch⸗römiſche, in Prima die mittelalterliche und neue Geſchichte gelehrt. Das Feſthalten an dem Dualismus für die alte Geſchichte iſt ſchon oben betont worden. Ebenſo wurde bereits auseinandergeſetzt, daß der Lehrſtoff der mittelalterlichen Geſchichte, wo der Standpunkt des Nationalismus vorherrſchen ſoll, mäßig beſchränkt werden müſſe. Auf beſondere didaktiſche Schwierigkeiten ſtößt man in dieſen beiden Fällen nicht. Dagegen iſt die für die neuere und neueſte Geſchichte nötige Beſchränkung ſo ſehr auch Sache der Methodik, daß ſie hier ausführlich beſprochen werden muß. Soll die neue Zeit überhaupt verſtanden werden, ſo darf ſie nicht auf die Geſ hichte eines Volkes be⸗ ſchränkt werden, ſondern alle Kulturvölker müſſen in gewiſſem Sinne berückſichtigt werden. Denn kein europäiſcher Staat nimmt auf lange Zeit eine über die anderen dominierende
¹) Ich glaube die Herbſtſche Anſicht über biographiſche Geſchichtsdarſtellung in der Schule noch beſonders zu empfehlen und zu unterſtützen, wenn ich die ihr geiſtesverwandte eines unſerer neueſten Geſchichtsſchreiber hier anführe. G. Weber äußert ſich in einem Vortrag über den Geſchichtsunterricht in Mittelſchulen(beigedruckt zu dem Jahresbericht über die höhere Bürgerſchule in Heidelberg im Schuljahr 1863/64) folgendermaßen:„Der Grundſatz, daß die Geſchichte mit der Jugend biographiſch zu behandeln ſei, iſt falſch und unrichtig, wenn man ihn ſo verſteht, daß die Weltgeſchichte in Biographieen gelehrt werden ſolle. Biographiſch wird die Geſchichte ſchon dadurch, daß man ene bedeutende Perſönlichkeit in den Vordergrund ſtellt, daß man die gleichzeitigen Begeben⸗ heiten in irgend eine Beziehung mit ihr zu bringen ſucht, daß man an ihr den Charakter der Zeit veran⸗ ſchaulicht. In dieſem Sinne können auch ganze Volksſtämme und Dynaſtiecen unter einem biographiſchen Geſamtbild aufgefaßt und dargeſtellt werden, ohne jedoch der getrennten Thatſache oder Individualität ihre Berechtigung zum eigenen Daſein, ihre hiſtoriſche Geltung zu rauben...... Will man aber die ganze Geſchichte an einzelne Perſönlichkeiten anreihen, ſo wird man entweder ein falſches oder mangelhaſtes Geſchichts⸗ bild entwerfen.... oder man wird die Biographie zu einer geſchmadloſen Breite ausdehnen müſſen, zum großen Nachteil der Klarheit und Einheit der geſchichtlichen Begebenheiten...... Gegen den Geſchichtsun⸗ terricht in Biographieen ſpricht auch die pädagogiſche Erfahrung, daß das altzu Breite und Leichte auf die Jugend keinen tiefen und bleibenden Eindruck macht; ſie begnügt ſich mit einer oberflächlichen vagen Idee ohne Beſtimmtheit und Klarheit, gewöhnt ſich an ein flüchtiges Sehen und Hören ohne Nachdenken und Ernſt und verliert dadurch ſo ſehr allen Sinn für das eigentliche Studium der Geſchichte, daß ſie auch in ſpäteren Jahren, wenn der Unterricht ernſter und tiefer wird, immer noch die ſüße Gewohnheit des ſpielenden Lernens und des ſeichten Halbwiſſens beibehalten wird.“


