Aufsatz 
Geschichtsunterricht an höheren Schulen nach Grundsätzen von Herbst
Entstehung
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Inhalt kleinerer Vorträge betrachtet, die der Lehrer in die deutſchen Unterrichtsſtunden einſchiebt. Aber auch in dem weſentlichſten Punkte des deutſchen Unterrichts, in der Lektüre, bietet ſich die nutzbarſte Gelegenheit, die Empfänglichkeit der Schüler für ge⸗ ſchichtliche Stoffe anzuregen.)) Dieſe Möglichkeit wird ja wohl nirgends außer Acht gelaſſen; der Erfolg wäre aber ein beſſerer, wenn die vorhandenen Leſebücher nach Wahl, Anordnung, Maß und Umfang deſſen, was ſie bieten, einem beſtimmten Plan folgten, wodurch das verwirrende Vielerlei und der unbegründete Wechſel in Vorführung der ge⸗ ſchichtlichen Stücke vermieden würde.

Somit wäre das Feld beſchrieben, auf dem der Sinn des Schülers für das That⸗ ſächliche geweckt und ſeine Faſſungsgabe, die ſich im Nacherzählen offenbart, ſoweit aus⸗ gebildet wird, daß der eigentliche hiſtoriſche Unterricht beginnen kann. Es entſteht nun die Frage, in welcher Verteilung der ganze nach ſeiner Begrenzung im vorigen Kapitel be⸗ ſprochene Stoff vorgeführt werden ſoll. Ob man in Quarta beſſer griechiſch⸗römiſche und in Tertia deutſche Geſchichte lehren ſoll oder umgekehrt, das zu entſcheiden überläßt Herbſt dem Gutdünken der Lehrer. Er verlangt nur, daß ſich die Schüler in beiden Geſchichtskreiſen bewegt haben, ehe ſie nach Sekunda verſetzt werden. Indes hängt die Anſicht, die man hierüber haben kann, weſentlich davon ab, ob man bei dem zweiten Geſchichtskurſus(in Sekunda und Prima) zuerſt griechiſch⸗römiſche und nach ihr erſt deutſche Geſchichte treiben oder ob man die entgegengeſetzte Richtung einſchlagen will. Wenn es nun, wie ich ſpäter nachweiſen werde, entſchieden förderlicher iſt, die deutſche Geſchichte in Prima zu lehren, ſo iſt damit auch die oben geſtellte Frage geregelt. Es iſt wenigſtens kein zureichender Grund vorhanden, das zeitlich Zuſammenhängende nicht auch in ſeiner natürlichen Reihenfolge zu behandeln und auf den Gang, der bei dem zweiten Kurſus eingeſchlagen wird, nicht ſchon im erſten vorzubereiten. Übrigens giebt der Mangel des ſogenannten zureichenden Grundes hier nicht allein den Ausſchlag. Ob⸗ ſchon nämlich beim erſten Unterrichtskurſus von einer pragmatiſchen Geſchichtsbetrachtung nicht die Rede ſein kann, ſo iſt doch für Quartaner die alte Geſchichte mit ihren ein⸗ fachen Verhältniſſen ſowohl leichter zu überſehen als zu lernen, wie die deutſche bis zur neueſten Zeit. Nur heilſam kann unter dieſer Vorausſetzung auch die nebenherlaufende Lek⸗ türe des Cornelius Nepos auf den Geſchichtsunterricht einwirken. Obgleich inhaltlich keine große Strecke zurückgelegt wird, ſo macht es auf den Schüler ſtets einen ermunternden Ein⸗ druck, wenn er nur einmal für wenige Punkte geſehen hat, daß alles, was er lernen ſoll, in authentiſchen Ueberlieferungen vorhanden iſt. Warum ſoll man aus den gegebenen Umſtänden kein Kapttal ſchlagen, ſelbſt wenn es noch ſo gering iſt? Das alles zuſam⸗ mengenommen hebt die beſſere Erkenntnis und aus ihr fließt das Intereſſe. Daher die Thatſache, daß die Schüler der unteren Klaſſen eine größere Vorliebe für die alte Ge⸗ ſchichte haben, die der oberen aber für die neue.

¹) Wie ſehr überhaupt gerade der deutſche Unterricht geeignet iſt, ſich die Ergebniſſe des Geſchichtsunter⸗ richts zu nutze zu machen und ſich mit ihm zu gemeinſamem Beſten in ein näheres Verhältniß einzulaſſen, zeigt recht überzeugend R. H. Hiecke, Direktor am Gymnaſium zu Greifswald, in ſeinem lehrreichen Buche: Der deutſche Unterricht auf deutſchen Gymnaſien. Ein pädagogiſcher Verſuch. Leipzig, 1872. S. 29 ff.