Aufsatz 
Geschichtsunterricht an höheren Schulen nach Grundsätzen von Herbst
Entstehung
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nicht gut möglich, damit fiel aber ihre Lehrbarkeit ſelbſt. Dieſe Motivierung der pä⸗ dagogiſchen Unzuläſſigkeit der neueſten Geſchichte war offenbar ſtichhaltig. Ein anderer Grund hat ſich dagegen als etwas weniger überzeugend erwieſen, inſofern er ſeinen Rück⸗ halt in Schwierigkeiten hatte, die ſich als nicht unüberwindbar herausgeſtellt haben. Man behauptete, für die neueſte Geſchichte ſei überhaupt kein Raum und keine Zeit auf den höheren Schulen, wenigſtens auf dem Gymnaſium nicht. Dies wird indes durch die ein⸗ fache Thatſache widerlegt, daß heutzutage die neueſte Geſchichte eben gelehrt wird. Viel Zeit ſteht für dieſe Periode allerdings nicht zu Gebore; um ſo größer ſind die Anforde⸗ rungen, die an die Methode der Behandlung dieſes Zeitraums geſtellt werden, um auf dem beſten Weg in verhältnismäßig kurzer Zeit das Jahr 1871 zu erreichen. Doch davon weiter unten. Hierher gehört vielmehr noch die Frage, ob und was für ein Recht die Kulturgeſchichte auf die Schule habe. Jedenfalls muß die Geſchichte, wenn ſie anders ihre Hauptwirkung nicht verlieren ſoll, in ihrer Eigenart vorgetragen werden. Der dramatiſche Charakter der Thaten, deren Träger greifbare Perſönlichkeiten ſind, darf durchaus nicht verblaſſen. Mithin kann der Kulturgeſchichte nur eine unbedeutende Stelle zufallen, wie wahr es andererſeits iſt, daß die Geſchichte als Vermittlerin der Kultur⸗ ideeen ihre höchſte Aufgabe und ihren ganzen Beruf hat. Aber vieles, was an ſich wahr und erſtrebenswert iſt, hat für die Schule keine Berechtigung, weil zu ſeiner Verwirkli⸗ chung die nötigen Vorausſetzungen fehlen. Iſt die an die höheren Schulen gehende Forde⸗ rung einer unmittelbaren Berichterſtattung für die erſte Zeit des Unterrichts und einer pragmatiſchen Geſchichtsbetrachtung für den ſpäteren Kurſus erfüllt, ſo iſt die Zeit der Aus⸗ bildung in Geſchichte verfloſſen und zu einer aus den verſchiedenen Perioden die Kultur⸗ ideeen ermittelnden Thätigkeit kein Raum übrig. Hier zeigt ſich wieder die wohlthuende Folge einer vernünftigen Arbeitsteilung. Die ſcheinbare Lücke, die der Geſchichtsunterricht hinterläßt, wird durch die Ergebniſſe der übrigen Unterrichtsfächer hinlänglich ausgefüllt. Wenn es trotzdem nicht ſelten nötig ſein wird, auf kulturhiſtoriſche Momente einzugehen, ſo kann der epiſche Charakter der Geſchichte in der Weiſe gewahrt werden, daß als die Urſachen eines Kulturaufſchwunges wiederum nur Perſonen und deren Thaten genannt werden. So werden Zuſtände und Thaten in die richtige gegenſeitige Fühlung geſetzt.¹) Für Litteratur⸗ und Religionsgeſchichte ſollen überhaupt nur gelegentliche Verweiſe auf die einſchlägigen Teile des Unterrichts im Deutſchen und in der Religion gemacht werden. Eine gewiſſe Orientierung in der Kunſtgeſchichte, eine recht gründliche aber in der Mythologie iſt durchaus notwendig. Im ganzen wird ſich der kulturgeſchicht⸗ liche Teil in engen Grenzen zu bewegen haben. Eine große Anzahl der Branchen, welche die Kulturgeſchichte umfaßt, iſt dem Schüler noch fremd. Die Folge davon würde bei einem nur einigermaßen ausgedehnten kulturgeſchichtlichen Unterricht das Auswendiglernen nur halb oder gar nicht verſtandener Phraſen ſein. Ein rich⸗ tiges Verſtändnis der Kulturgeſchichte ſett eben die genaue Kenntnis der Einzel⸗

. ¹) Herbſt iſt nicht der einzige Vertreter dieſer Auſicht. Beinahe alle Neueren teilen ſie. Auch der Herbſt naheſtehende Jäger. Vgl. O. Jäger, Bemerkungen über den gecchichtlichen Unterricht auf höheren Schulen. Beigabe zu dem Hülſsbuch für den erſten Unterricht in alter Geſchichte. Mainz 1877, S. 29.