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die Jahre 1870 und 1871 den Schlußſtein des geſamten geſchichtlichen Unterrichts bilden ſollen, wenn ferner die alte Geſchichte in den beiden oberſten Jahreskurſen ſich nicht ſelbſt überlaſſen bleiben ſoll, ſo ergiebt ſich die Notwendigkeit einer gewiſſen Beſchränkung ſchon von ſelbſt. Die Auswahl der eingehender zu behandelnden Zeitabſchnitte beſtimmt ſich nach dem ganzen Beruf des Unterrichts in mittelalterlicher Geſchichte, welcher das Verſtändnis für das rein Vaterländiſche ermöglichen ſoll. Dies kann glücklicherweiſe erreicht werden, ohne daß der richtigen Auffaſſung der mittelalterlichen Geſchichte als ſolcher nicht die gehörige Wür⸗ digung widerführe. Denn die Hauptrolle fiel ja im Mittelalter den Deutſchen zu. Mithin gehen das richtige Verſtändnis und die Erweckung des nationalen Sinnes Hand in Hand. Außerdem hat das Mittelalter vor anderen Geſchichtsepochen, die das vater⸗ ländiſche Intereſſe befördern, das voraus, daß es, wiewohl uns ſo nahe gerückt, doch wieder hinreichend fern ſteht, um als abgeſchloſſenes Ganze mit objektivem Urteil be⸗ trachtet werden zu können. Nach alledem würde beiſpielsweiſe eine weitgehende Verfolgung der engliſchen, franzöſiſchen, polniſchen Geſchichte die Erreichung des Hauptzweckes nur er⸗ ſchweren. Umgekehrt würde ſich der Ausſchluß jeder Berückſichtigung fremder Nationen empfindlich rächen, wenn auch nicht in dem Maße, wie in der neueren Geſchichte. Eine ſolche Rückſichtsnahme iſt z. B. da ganz beſonders nötig, wo die Völker noch ungeſchieden neben⸗ einander ſtanden, wie es im großen Frankenreiche geweſen. Ferner da, wo ſie als die Träger einer und derſelben Idee auftraten und ſich zu gemeinſamem Kampfe geſellten, wofür uns die Kreuzzüge ein ſprechendes Bild liefern. Höchſtens muß die Geſchichte Italiens wegen ſeiner Abhängigkeit vom deutſchen Reiche in mehr ausführlicher Weiſe behandelt werden. Nicht anders wird bei Ereigniſſen, welche die Exiſtenz des chriſtlichen Mittelalters am meiſten bedrohten, wie bei der Verbreitung des Islams, unbedingt ein Rückblick auf den Urſprung und den Verlauf der Bewegung zu werfen ſein. Dabei muß aber die Rückſicht auf Europa und die eventuellen Einwirkungen des Islams auf die Verhältniſſe im deutſch⸗römiſchen Reiche in den Vordergrund treten. Welche Abkürzungen ſchließlich in der engeren mittelalterlichen Geſchichte ſelbſt anzubringen ſind, bedingt durch die größere oder kleinere Tragweite der Ereigniſſe, bringt die Sache ſelbſt mit ſich.
In wie weit für die neuere Geſchichte Beſchränkung am Paatze iſt, ſehe ich als eine Frage von mehr methodiſcher Bedeutung an und werde ſie im vierten Abſchnitt meiner Darſtellung erörtern. Ueberhaupt kann hier von Beſchränkung nur in gewiſſem Sinne die Rede ſein. Vielmehr tritt im Gegenſatz zu früher eine ſehr erhebliche Aus⸗ dehnung ein. Seit den Ereigniſſen des Jahres 1870/71 wäre eine Verzichtleiſtung auf die Geſchichte von 1815—1871 ebenſo unnatürlich, wie es vorher natürlich war, in dem Jahre 1815 den füglichſten Abſ hluß zu erblicken. Der Hauptgrund, warum man ſich früher mit der Geſchichte bis zum Jahre 1815 begnügen mußte, liegt darin, daß vor dem Jahre 1870/71 kein Zielpunkt gegeben war, von dem aus man über die Vergangenheit, d. h. bis zum Jahre 1815 zurück, beſtimmende Geſichtspunkte hätte gewinnen können. Jetzt aber iſt ein feſter Ankerpunkt gegeben, auf den man in der bunten Vielgeſtaltigkeit der politiſchen Ereigniſſe ſeit 1815 zuſteuern kann. Alſo eine planmäßige und überſichtliche Behandlung der modernen Pentekontaetie war vordem


