Aufsatz 
Geschichtsunterricht an höheren Schulen nach Grundsätzen von Herbst
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

kommt zur Einſicht, wie ſonſt urteilsfähige Schulmänner den Unterricht in der Geſchichte als ein notwendiges Uebel betrachteten. Wenig erbaulich für die Schüler war ein Unter⸗ richt, wo man weiter nichts anſtrebte als ein mechaniſches, rein gedächtnismäß'ges Aneig⸗ nen einer beſtimmten Anzahl von Thatſachen, welche in ihrer Wechſelwirkung nicht im mindeſten fixiert wurden. Dazu geſellte ſich noch das Auswendiglernen einer endloſen Reihe von Jahreszahlen. Gerade in der Erkenntnis aber, wie die einzelnen Ereigniſſe auf ihre äußere Geſtaltung gegenſeitig eingewirkt haben, liegt die das Denkvermögen fördernde Wirkung des Geſchichtsunterrichts. Dieſe muß in den Vordergrund treten, wenn der Un⸗ terricht eine dem Zwecke der höheren Schule überhaupt entſprechende Stellung haben ſoll. Und dies gilt beſonders für das Gymnaſium. Denn die ganze Bildung, die das Gym⸗ naſium giebt und geben will, iſt ja eine hiſtoriſche, wenn auch im weiteren Sinne des Wortes. Die ihm Anvertrauten ſollen Ausbildung und Schärfung des hiſtor ſchen Sinnes erlangen. Sie ſollen lernen, daß man erſt dann recht zum Ziele kommt, wenn man die Dinge nicht nur nimmt, wie ſie ſind, ſondern auch unterſucht, wie ſie ſo geworden ſind; ſeien es nun Probleme der Wiſſenſchaft, die ſich der Forſchung darbieten, oder Verhältniſſe des engeren und weiteren Lebens, die beurteilt werden ſollen. Mithin wäre es die Aufgabe des Geſchichtsunterrichts, dieſes Verſtändnis bei den Schülern zu wecken und zu entwickeln. Wie das geſchieht, wird in dem Abſchnitt über Lehrmethode des Geſchichtsunterrichts näher auseinander geſetzt werden.

Gewöhnlich ſchließt aber die Löſung jeder bedeutenden Aufgabe die Erreichung ver⸗ ſchiedener Nebenzwecke mit ein, einerlei, ob ſie von vornherein beabſihtigt waren oder ſich bei der Behandlung des Gegenſtandes von ſelbſt ergaben. Dies iſt auch im Geſchichts⸗ unterricht der Fall. Der logiſche Faktor ſpielt die Hauptrolle, andere gruppieren ſich um ihn. So verlangt man von einem gebildeten Menſchen, daß er über die Vorgänge der vergangenen Zeit unterrichtet ſei. Auf eine Erkenntnis des tieferen geſchichtlichen Zuſammenhangs kommt es hier ſchon weniger an, als vielmehr auf die Kenntnis der Fakta, wie ſie ſich im einzelnen geſtaltet haben. Dieſe Forderung erfüllt die Schule ſchon zu einer Zeit, wo ſie auf den Hauptzweck der inneren Erforſchung des Thatennexus nur inſofern hinarveitet, als ſie die nötigen Vorausſetzungen dazu ſchafft. Dieſe beſtehen in der feſten Einprägung der Thaten, Namen und Daten. Es iſt unmöglich, eine Sprache mit Verſtändnis zu gebrauchen, wenn die gründliche Erlernung ihrer Formen nicht vorausgegangen iſt. Genau ebenſo wird auch in der Geſchichte der Verſtand nicht fähig ſein, die ihm eigentümliche Thätigkeit zu entfalten, wenn das Gedächtnis außer⸗ ſtande iſt, das nötige Material zu liefern.

Auch unmittelbar für das praktiſche Leben ſoll der Geſchichtsunterricht ausgebeutet werden. Es tritt dies ein nicht als eine Bedingung zur Geſchichtsbetrachtung, wie ſie auf höheren Schulen ſein ſoll, ſondern als eine Folge davon, wofern ſie wirklich ſo be⸗ trieben wurde. eunn die Wechſelwirkungen der einzelnen Ereigniſſ e erforſcht werden, ſo fällt es dem Suchenden ſicher auf, daß viele Thatſachen in ihrem Endreſultat große Ähnlichkeit haben. Er wird die Urſache ermitteln wollen und finden, daß dies meiſtens da der Fall iſt, wo die Umſtände dieſelben ſind. Iſt nun jemand in dieſer combina⸗