Aufsatz 
Über den direkten und indirekten Sprachunterricht. Ein Beitrag zur Lösung der Frage:"Wie ist es möglich, die Lernlast der Jugend zu vermindern, ohne geistige Ausbildung zu beeinträchtigen?"
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

Mutterſprache. Durch ein beklagenswerthes Parteitreiben wurde die deutſche Grammatik faſt ganz aus den Schulen verbannt, und damit ein großer Schritt rückwärts zu mittelalter⸗ lichem Geiſtesdunkel gethan. Aber das iſt nur Wolkenſchatten, der vorübergeht. Schon er⸗ heben ſich wieder Stimmen, welche rationelle. Grammatik für den Schulunterricht fordern, und die Zeit geht ohne Zweifel ihren unabänderlichen Gang von Nacht zum Licht. Dann aber verſchwindet der obige Einwurf von ſelbſt. In der fremden Sprache nämlich ſoll und darf der Schüler nur praktiſche Grammatik treiben, d. h. diejenigen Sprachgeſetze(Regeln) lernen, welche ihm das Auffaſſen und Anwenden des fremden Idioms erleichtern; denn es iſt Unnatur, in einem Material, welches man noch nicht beſitzt, ſyſtematiſche Logik aufſuchen zu wollen. Wie viele der Schüler, welche nur nach der Grammatik Franzöſiſch gelernt haben, gelangen wohl da⸗ hin, das Syſtem der franzöſiſchen Sprache zu überſchauen? Im Deutſchen dagegen iſt dieſe Ueberſicht möglich, und dann laſſen ſich ohne großen Zeitaufwand die Sprachgeſetze des Fran⸗ zöſiſchen und Engliſchen damit vergleichen. Auf dieſe Weiſe lernen die Schüler ſyſtematiſch franzöſiſche und engliſche Grammatik in der deutſchen Grammatikſtunde, und werden viel ener⸗ giſcher in klarem, beſtimmten Denken geübt, als bei geſondertem Unterrichte. In einer Schule, in welcher wirklich deutſche Grammatik gelehrt und gelernt wird, iſt demnach die praktiſche, direkte Methode noch geiſtbildender ſelbſt als die indirekte grammatiſſtiſche.

Ein anderer Zweifel könnte ſich über die Ausführbarkeit der direkten Methode erheben. Ob alle Lehrer dazu im Stande ſind? Nein, nur die tüchtigen. Aber man wird doch endlich dahin kommen, nicht auf billige, ſondern auf gute Lehrer zu ſehen, und bei den Amtsprüfungen weniger das Wohl des Lehrers als der Schüler im Auge zu haben. Die Behörden ſind ſchon faſt allent⸗ halben über dieſen wichtigen Punkt einverſtanden, aber das Publikum nicht. Die Summen, welche früher für den Unterricht verwendet wurden, waren ſo fabelhaft klein, daß die jetzt ver⸗ wandten größeren, aber noch immer völlig unzulänglichen Summen ſelbſt ſtrebſamen, wohl⸗ denkenden Bürgern fabelhaft groß erſcheinen. Man ſollte die finanziellen Einnahmen der Lehrer mit den Zeitverhältniſſen in Einklang bringen, aber alsdann auch viel höhere Forderungen an die Leiſtungen derſelben ſtellen. Gewinnt tüchtige Geiſter für das Lehrfach, und bereitet ihnen Grund und Boden zu unnunterbrochener, ſorgenfreier Weiterbildung, und es wird der guten Methode nicht an guter Ausführung mangeln!

Auch das Bedenken über die oben angegebene lange Unterrichtszeit dürfte damit erledigt ſein. Gehen die Kinder vom 9 16 Jahre in eine höhere Schule, ſo paßt das zu der aufge⸗ ſtellten Organiſation, und die Mittel, für jeden Jahrgang eine geſonderte Klaſſe, alſo im Ganzen ſieben, zu errichten, müſſen daſein. Ein zweijähriger Kurſus in einer und derſelben Klaſſe iſt, nicht ſowohl für die Schule als für die Nation, ſtets ein pädagogiſches Armuths⸗ zeugniß. Es kann den Eltern doch Nichts daran gelegen ſein, daß ihre Kinder ſieben Jahre in die Schule gehen, ſondern daß dieſelben in dieſen Jahren Viel lernen.

Nehmen wir nun aber die Dinge wie ſie gegenwärtig in ganz Deutſchland ſind, und fra⸗ gen, ob die direkte Methode auch in 3⸗ oder 4⸗klaſſigen Realſchulen anwendbar ſei, ſo darf