Aufsatz 
Über den direkten und indirekten Sprachunterricht. Ein Beitrag zur Lösung der Frage:"Wie ist es möglich, die Lernlast der Jugend zu vermindern, ohne geistige Ausbildung zu beeinträchtigen?"
Entstehung
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Soweit Guillaume! Schon Lorinſer, der bekannte ausgezeichnete Berliner Arzt und Jugendfreund, hat Aehnliches geſagt. Er klagt darüber, daß die Gymnaſialſchüler, welche ehemals 20 25 Lehrſtunden hatten, jetzt 32 42 Stunden auf den Bänken ſitzen müſſen(1836). Von dieſen entlaſſen, habe der Fleißige kaum ſoviel Zeit, um den häuslichen Aufgaben zu genügen, und öfters könne man bemerken, daß gerade die Fleißigſten auch die Kränklichſten ſeien. Unzählige Ärzte und Pädagogen ſtimmten ihm bei; aber die Abhülfe kam außerordentlich langſam, weil die Macht der Gewohnheit und der Verhältniſſe ſtärker iſt als alle Vernunft. Wo Erleichrerungen eintraten, erregten ſie nicht ſelten das Mißfallen der Eltern, und verſchwanden deshalb binnen Kurzem wieder. Das Publikum hatte ſich im Allgemeinen zu ſehr daran gewöhnt, die Schule theils als Bewahranſtalt zu betrachten, wohin man die Kinder ſchicke, um ſielos zu werden; theils meinte man, ein Kind könne nie Zuviel lernen, und diejenige Schule ſei die beſte, welche au Meiſten Lehrſtunden gebe. Solche Anſichten freilich müſſen erſt ganz vertilgt werden, ehe die Bemühungen der Behörden und Pädagogen Früchte tragen können. Ohne Beiſtimmung der Eltern läßt ſich ſchwerlich etwas Durchgreifendes unternehmen.

Zu weiterer Beleuchtung unſeres Gegenſtandes führe ich noch einige bezügliche Ausſprüche bekannter, tüchtiger Jugendfreunde und Schulmänner an.

Montaigne(geb. 1533) ſagt: Ich will den Geiſt und den Körper meines Schülers nicht zu Grunde richten, indem ich ihn nach herkömmlicher Weiſe 1415 Stunden des Tages unter der Arbeit ſeufzen laſſe. Es iſt allerdings etwas Feines und Großes um das Griechiſch und Latein, nur kauft man es gar zu theuer.

Auch der berühmte engliſche Moraliſt und Pädagog Locke(geb. 1632) ſagte Aehnliches, und empfahl, als nothwendiges Erforderniß zur Geſundheitspflege der Kinder, viel freie Luft, viel Leibesübung und nicht zu wenig Schlaf, was damals freilich großes Aufſehen und heftigen Widerſpruch erregte.

Die unter dem Namen Philantropiſten(Menſchenfreunde) bekannten Schulmänner(Baſedow, Rochow, Salzmannn, Kampe), welche den früheren kloſtermäßigen Unterricht in einen naturgemäßen umzuwandeln ſtrebten, und den Grund zu unſeren jetzigen Realſchulen legten, forderten, daß alle Schüler täglich fünf Stunden Unterricht und wiſſenſchaftliche Uebungen haben, und dagegen 3 Stunden zu körperlichen Uebungen, ſowie 2 Stunden zu muskelanſtrengender Arbeit verwenden ſollten. Freilich ſetzten ſie dabei Klaſſen von 10 12 Schülern voraus.

Hauſchild, der Begründer des modernen Geſamtgymnaſiums, redet(in den Leipziger Blättern für Erziehung und Unterricht 1855) gegen das Uebermaß häuslicher Aufgaben, und entwirft davon folgendes ergötzliche Bild. Gewöhnlich, ſagt er, werden noch zwei gewaltige Hebel angewandt, um der ohnmächtigen Schule aufzuhelfen: man gibt den Schülern ungeheuere häusliche Arbeiten, und verdoppelt und verzehnfacht die Strafe. Ueber dieſe maßloſen Schularbeiten fällt nun das ganze Haus her: Vater und Mutter, Hauslehrer und Gouvernante, oder, ſind dieſe nicht zu haben, ſo helfen ſelbſt Kammerjungfer, Köchin und Kindermädchen dem bedrängten Schüler bis mitten in die Nacht. Wie vielen, und gerade den gewiſſenhafteſten Kindern wird

auf dieſe Weiſe die ſchöne, harmloſe und ſorgloſe Kindheit vergällt! 12*