Aufsatz 
Praktische Geometrie auf dem Gymnasium / von G. Degenhardt
Entstehung
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Es wird durchaus micht vorgeschlagen, den in den folgenden Abschnitten enthaltenen Stoft am Gymnasium ganz durchzunehmen dazu würde gewiſs die schon so knapp bemessene Anzahl der Unterrichtsstunden nicht ausreichen; vielmehr ist hier zusammengestellt, was gelegentlich durchgenommen werden kann. Ich denke mir die Sache so, daſs man von Zeit zu Zeit bei passenden Aufgaben, die man soeben mit Zirkel und Lineal an der Tafel ausgeführt hat, mit der Klasse hinaus auf den Schulhof geht und die Arbeit im gröfseren Stile des Feldmessers ausführt.

Durch die Erkenntnis, daſs der gelernte theoretische Lehrsatz praktisch verwendbar oder durch praktische Bedürfnisse hervorgerufen ist, wird das Interesse des Schülers gesteigert und das in der Klasse Gelernte dem Gedächtnis tief eingeprägt.

In Obersekunda ist z. B. bei Berechnung schiefwinkeliger Dreiecke der erste Fall (gegeben l Seite und 2 Winkel) besprochen. Nachdem die Schüler nach dem Alphabete oder der Rangordnung in Gruppen zu je 5 oder 6 abgeteilt sind, gehe ich mit ihnen auf den Schulhof und lasse die auf der Mittelstufe§ 8 bezeichnete Aufgabe No. 2, in folgender Weise ausführen: Gruppe Istellt die Winkelscheibe in Punkt A(Fig. 24 Taf. II) auf und visiert in horizontaler Richtung nach Punkt E des Schulgebäudes. Gruppe II steckt die Gerade AE ab. Gruppe III visiert nach Punkt C und liest CAE ab. Gruppe IV stellt die Winkelscheibe in Punkt B der Linie AE auf, visiert in horizontaler Richtung nach E vorwärts und nach A rückwärts. Gruppe V visiert nach Punkt C und liest Winkel CAE ab; Gruppe VI miſst die Strecken AB und EE. Bei der nächsten Meſsaufgabe wechseln die Gruppen ihre Thätig- keit. Die Ausrechnung nebst Anfertigung einer Skizze wird zur häuslichen Bearbeitung aufgegeben. Die zu einer derartigen Messung aufgewandte Zeit ist nach meiner Erfahrung nicht groſs*) und lohnt sich reichlich durch das bei den Schülern geweckte Interesse**). Bei der Auswahl und Gruppierung des Ubungsstoffes für die Unterstufe, Quarta und Unter- tertia, sowie für die Ilittelstufe, Obertertia und beide Sekunden war die Pensenverteilung der offiz. Lehrpläne maſsgebend.

Die Aufgabe der Oberstufe besteht wesentlich darin, die eigentlichen Feldmefsapparate, sofern sie überhaupt in der Schule Eingang finden können, kennen zu lernen und mit der Handhabung derselben bei Aufgaben der vorhergehenden Stufen vertraut zu werden. Dabei ist die Theorie der betreffenden Apparate, wie z. B. des Winkel-Spiegels und Winkel- Prismas, des Sextanten und der Bussole dem physikalischen Unterricht zuzuweisen. Zum Schlusse dieses praktischen Unterrichtes scheint mir der Hinweis auf die Landesvermessung in Provinz und Staat bezw. internationale Gradmessung angebracht zu sein. Daſs das Festlegen von Kreisbögen im Felde die schwache Seite der praktischen Geometrie ist, wird dem Schüler, der in der Handhabung des Zirkels auf dem Papier geübt ist, sehr bald einleuchten. Ob in der Prima bei Gelegenheit der Koordinatenrechnung die Ab-

*) Kleinere Aufgaben, wie die in den§§ 1 u. 3 aufgeführten können in 20 bis 30 Min. erledigt werden und zu den größeren, wie das in§ 9 II. Stufe ausgeführte Nivellement, ist cine Stunde vollkommen ausreichend. *r) Auch empfiehlt es sich, für jede Abteilung einen Führer zu bestimmen. Wie beim Turnen wird man diese Knaben aus den besten Schülern wählen und für die Hauptsachen vorher einüben.