Aufsatz 
Der mathematische Unterricht in seiner Beziehung zu anderen Unterrichtsgebieten / von B. Biel
Entstehung
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hiermit, wenn jener diesem grossartigen Rüstzeug. dem er so Vieles, so Wesentliches verdankt, diesen Dank in der Weise abträgt, dass er ihm gleichgiltig, vielleicht gar mit Geringschätzung den Rücken kehrt? Müsste er sich nicht vielmehr bestrebt zeigen, die Quelle, aus der seinem eigenen Wissenszweig solcher Nutzen fliesst, näher kennen und vielleicht selbst aus ihr schöpfen zu lernen? Sicherlich hat eine Wissenschaft, die so Grosses und Bedeutungsvolles zu leisten vermag, begründeten Anspruch auf die Achtung und Wertschätzung vor allem auf- seiten derer, denen sie ihre Dienste, ihre erschliessende Kraft und hohe Zuverlässigkeit zur Verfügung stellt und die ihrer darum nicht entraten können. Aber müsste es für den Ge- schichtsmann nicht auch von grossem Werte, von höchstem Interesse sein, selbst die Daten seiner Wissenschaft auf ihre Richtigkeit prüfen, ja selbst nach dieser Seite forschen und so vielleicht zur Lösung mancher noch schwebenden Fragen beitragen zu können, um so mehr als die Befähigung dazu mit leichten Mitteln und geringer Mühe zu erwerben ist? Wie zur neuen und sehr willkommenen Bestätigung des Gesagten erscheint in diesem Augenblick ein Werkchen von Dr. Wislicenus, betitelt:Astronomische Chronologie. Ein Hilfsbuch für Historiker, Archäologen und Astronomen, das bestimmt ist, zur Förderungjenes wissen- schaftlichen Grenzgebiets, in welchem sich Altertumskunde und Geschichtsforschung einerseits und Astronomie anderseits berühren, beizutragen.Solche wissenschaftlichen Grenzgebiete werden meistens von den dabei interessierten Hauptwissenschaften vernachlässigt, sodass ihr Ausbau häufig im Argen liegt(S. Vorwort). Dass dies der Fall ist, dass vielleicht auch manches ernstliche Wollen sofort wieder im Keime erstickt wird, finden wir weniger in den dort auf- geführten Thatsachen begründet, als vielmehr in dem Punkte, der uns hier beschäftigt und ge- rade im Vordergrund unseres Interesses steht. Die eigentliche Ursache muss in der Schule, immer wieder in der Schule gesucht werden. Denn wo und woher anders sollen und können die Beteiligten die erforderlichen Kenntnisse sich aneignen, die doch vorhanden sein müssen, wenn die Lösung einer auf diesem Gebiete liegenden Aufgabe mit Verständnis und Geschick, mit bewusstem Vertrauen auf die Sicherheit und Zuverlässigkeit des angewandten Apparats durchgeführt werden soll? Nur der in der Jugend im gründlichen Unterricht hinreichend Vorgeschulte wird sich einer derartigen Sache gewachsen fühlen und mit der erhebenden Aus- sicht auf günstigen Erfolg an sie herantreten, während derjenige, welcher mit vielleicht an sich schon dürftigen Vorkenntnissen ausgestattet erst mit dem ABC der Anwendungen beginnen soll, von vornherein abgeschreckt wird. Hier läge ein besonders fruchtbringendes Gebiet für den mathematischen Unterricht zur Bearbeitung vor, der nur selbst wieder durch solchen Inhalt in jeder Weise gewinnen kann, und so sei auf obengenanntes Werkchen, das zweckentsprechendes und anregendes Material mehr als hinreichend bietet, ebenfalls besonders hingewiesen und seine Benutzung zum Ausbau, zur weiteren Durchführung des Konzentrations- gedankens auf diesem so sehr dazu geeigneten Gebiete angelegentlich empfohlen.

Ein weiteres nicht unwichtiges Kapitel scheint uns die antike Zeitmessung zu sein, die auch in den klassischen Schriftstellern eine gewisse Rolle spielt und der darum der Philologe eine hinreichende Beachtung zuteil werden lassen muss. Wer aber in diese Ver- hältnisse eine wirkliche, klare Einsicht gewinnen und, wie das an manchen Stellen sehr wol nötig erscheint, weitere Klarheit über jene zu schaffen suchen will, kann auf die Beihilfe der Mathematik nicht verzichten. Auch hier handelt es sich um ein Element sowohl kultur- geschichtlicher wie auch vorzugsweise praktischer Natur, insofern das rechte Verständnis ganzer Stellen in den Schriftstellern, der klare Einblick in die behandelte Situation vielleicht lediglich durch die richtige Auffassung der gemachten Zeitangaben bedingt ist. Hier muss der Philologe sich mit dem Mathematiker vereinen und wäre es nicht das Zweckmässigste, wenn dies in einer Person geschähe, was u. E. auf dem hier vorgeschlagenen Wege ohne besondere