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zusehen sein, das nicht nur nicht übersehen werden darf, sondern vielmehr mit an erster Stelle Beachtung finden muss. Es ist demnach Pflicht, wie jeder höheren Schule, so ganz besonders des Gymnasiums, dem Schüler zu zeigen, was das Altertum in dieser Richtung zu leisten vermochte, wie das von ihm Erreichte im allgemeinen grösster Achtung und An- erkennung wert erscheint, da, wenn auch auf der einen Seite noch grosse Unvollkommenheiten blieben, doch auf der andern bereits Resultate gewonnen wurden, die als erfreuliche Anfänge zu einer erfolgreichen Weiterentwicklung anzusehen sind und damit als die Grundlage für die grossartigen Errungenschaften einer späteren Zeit, diesen erhabenen, beredten Zeugnissen der Grösse und Schaffenskraft des menschlichen Geistes. Solche Einsicht erscheint uns unerlässlich, wenn man imstande sein will zur rechten Beurteilung des Einst und Jetzt, befähigt zu einem tieferen Verständnis der Welt nach ihrem gesamten geistigen und sinnlichen Inhalt; erst dann wird die erzielte allgemeine Bildung auch zu einer möglichst allseitigen.
Der klassische Unterricht muss darum ein direktes, ausgesprochenes Interesse daran haben, dass gerade dasjenige Wissensgebiet, welches zur Entwicklung und Förderung der Menschheit in kultureller Hinsicht zu aller Zeit nicht das Wenigste beizutragen berufen war, ihm helfend und stützend zur Seite stehe. Um so auffallender muss es erscheinen, dass solchen Thatsachen gegenüber in der Philologenwelt mit wenigen erfreulichen Ausnahmen allein jener sokratische Standpunkt Schule gemacht zu haben scheint, der für den wunder- baren Organismus dieser gesamten sichtbaren, natürlichen Welt gar kein oder kaum ein Interesse empfindet, dessen erstem Vertreter die„vernunftlose“ Natur ein der Beachtung so wenig würdiger Gegenstand war, dass er sogar gesagt haben soll,„er gehe nicht spazieren, da er von Bäumen und Gegenden nichts lernen könne.“ Und doch müssten andere Koryphäen des Altertums, die im klassischen Unterricht eine hervorragende Rolle spielen und hochgefeiert dastehen, ein Plato, ein Aristoteles, es allen nahe legen, dass es ausser dem eignen Wissens- zweig noch ein anderes weites und überaus reiches Wissensfeld giebt, das keinem Gebildeten verschlossen bleiben dürfte, und wie gerade die Mathematik in erster Linie dazu berufen ist, der Forschung hier als vorzüglichstes Mittel zu dienen, sodass das platonische„2εeν⁶εέμ ⁴eχιμε royrog eiotro“ wie für die damalige so auch für die heutige Zeit noch seine vollste Geltung besitzt, zugleich als ein berechtigtes und wol zu beherzigendes Mahnwort. Wie vieles in den Schriften vorzugsweise des erstgenannten der beiden grossen Philosophen kann Verständnis und damit Interesse finden nur bei dem einigermassen mathematisch Geschulten! Und wird es nicht erst dann möglich sein, die Grösse dieses geistigen Heros in seinem ganzen, vollen Umfange zu würdigen?
Wenn es sich somit zeigt, dass die exakten Unterrichtsfächer, Mathematik und Naturwissenschaft, nicht nur untereinander, sondern beide, sei es nun jedes einzeln für sich, sei es das eine durch Vermittlung des andern, mit der Gruppe der sprachlich- historischen in gewissem unmittelbaren oder mittelbaren Konnexe stehen, wenn diese Thatsache in der Schule ihre entsprechende Verwertung findet und dadurch einem mehr- fachen Zweck gedient wird, indem das Reinmathematische dem Schüler gleichsam gewürziger gemacht, seinem Geschmack entsprechend zugerichtet wird, indem man ihm so zugleich einen kostbaren Wissenstoff zugänglich macht und ihm endlich hierdurch die hohe Be- deutung, ja Unentbehrlichkeit der mathematischen Wissenschaft auf den verschiedensten Ge- bieten vor Augen führt, so wird unsere Wissenschaft für sich selber sprechen und damit beweisen, dass das Gymnasium die allseitige allgemeine Vorbildung fürs Leben nur dann in vollem Umfange gewähren kann, wenn die mathematisch-naturwissenshaftlichen Fächer den sprachlisch-historischen die Hand reichen zur gegenseitigen Unterstützung und Ergänzung bei der gemeinsamen Arbeit, zu einem wahrhaft vereinten Streben nach dem gesteckten Ziel. Und


