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schnur für ihre Thätigkeit genommen und sich dabei durch die schönsten Erfolge belohnt ge- sehen haben. Letztere Thatsache ist es denn auch, die uns ermutigt, die Erfüllung dieses Wunsches fördern zu helfen, indem wir hoffen, durch diese Darlegungen in der Fachkollegenwelt eine dahin gehende Anregung zu geben und so auch unserseits vielleicht ein Scherflein dazu beizutragen, dass der mathematische Unterricht endlich das erhalte, was ihm noch im grossen und ganzen fehlt: einen seinen Zwecken vollentsprechenden, seiner selbst würdigen lebensvollen und damit belebenden Inhalt zum segensreichen Gewinne für Alle, die aus ihm gewinnen sollen.
Wenn nun aber der mathematische Unterricht auch dazu beitragen soll, dass die durch die Schule übermittelte Bildung sich als ein einheitliches Ganzes erweise, so darf sich der- selbe bei Herstellung der gedachten Beziehungen nicht lediglich auf die nächstverwandten naturwissenschaftlichen Gebiete an sich beschränken. sondern hat noch einen wichtigen Schritt weiter zu thun, nämlich Fühlung zu suchen und zu halten mit den sprachlich- historischen Fächern, im Interesse einer möglichst allseitigen Verwirklichung des die heutige Pädagogik beherrschenden Konzentrationsgedankens auch für die Wissensgebiete, für die man die Verwertung des letztern allem Anschein nach seither, wenigstens allgemein und in zielbewusst ausgesprochener Weise, nicht angestrebt hat.
Und doch bestehen auch für die Mathematik recht nahe Beziehungen nach jener Seite hin in vielfacher Hinsicht, sei es unmittelbar, sei es so, dass die verwandten Fächer die Ver- mittlerrolle übernehmen; dem aufmerksamen Blicke wird sich mancher schöne Zusammenhang bieten, dessen Beachtung und entsprechende Würdigung im Unterricht nicht nur höchst empfehlenswert, sondern besonders von dem hier betonten Standpunkt aus als notwendig er- scheinen muss. ¹)
Sind es denn die hohe Entwicklung des Staats- und Rechtslebens jener Zeit, in der sich der klassische Unterricht vorzugsweise bewegt, die hervorragenden, ja zum Teil gross- artigen Leistungen in Kunst und Litteratur allein, die den Gesamtkulturzustand eines Volkes bedingen? Gehört nicht dazu auch vor allem der Stand derjenigen Wissenschaften, die sich zum Ziele setzen, die Rätsel der Welt zu ergründen, unsere irdische Wohnstätte in ihrem Wesen und ihrem Verhältnis zum grossen All und endlich dieses selbst näher zu erforschen, die nicht in letzter Linie dazu beitragen, einer Zeit ihr bestimmtes Gepräge zu verleihen, nicht nur in rein wissenschaftlicher Hinsicht, sondern auch insbesondere mit Rücksicht auf die daraus fürs praktische Leben sich ergebende Nutzanwendung sowie den nicht gering anzuschlagenden Einfluss nach der ästhetischen wie der ethischen Seite? Ist doch die auf einem Wissensgebiete, und vorzugsweise einem solchen der letztgenannten Art, gewonnene Einsicht häufig bestimmend für die gesamte Zeitrichtung und Lebensauffassung, die unter Umständen tief eingreift in die Verhältnisse des ganzen Menschengeschlechts. Gerade in der griechischen Welt war ein eifriges Streben nach dieser Seite hin gerichtet, aus dem eine im höchsten Ansehen stehende Wissenschaft, die Astronomie, sich entwickelte, die ihrer- seits wieder eine besondere Pflege der mathematischen notwendig machte. Pflege und Stand solcher Wissenschaften, die die Kulturverhältnisse eines Volkes mitbedingen, dürfte demnach wol als ein für die Beurteilung der Entwicklungsstufe des letztern wichtiges Kriterium an-
¹) Während der Drucklegung dieser Arbeit kommt dem Verf. der im jüngsten Hefte der„Zeitschrift für physikalischen und chemischen Unterricht“(VIII. Jahrg. Heft 3) zum Abdruck gebrachte, auf der 66. Ver- sammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Wien gehaltene Vortrag von Prof. Alois Höfler-Wien:„Einige nähere und fernere Ziele für die Weiterbildung des physikalischen Unterrichts am Gymnasium“ zu Gesicht, der in engster Beziehung zu unserm Thema steht und als sehr erfreuliche Kundgebung im Sinne des letztern zu be- grüssen ist. Wir begnügen uns, lediglich darauf hinzuweisen. 2*
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