Aufsatz 
Der mathematische Unterricht in seiner Beziehung zu anderen Unterrichtsgebieten / von B. Biel
Entstehung
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fassen, die in der That bezüglich des speziell über die Mathematik Gesagten sehr viel Be- herzigenswertes enthält.

All diese Unternehmen, auf die wir weiter unten nochmals etwas eingehender zurück- kommen werden, sind gewiss als sehr verdienstlich anzuerkennen, aber sie können ihren Zweck doch nur zum kleinsten Teil erreichen; denn von einem wirklichen Verstehen kann bei der Mehrzahl der Leser oder Hörer kaum die Rede sein. Freilich kann aber wohl wenigstens im allgemeinen ein Begriff davon beigebracht werden, was unsere Wissenschaft zu leisten vermag, und damit die Erkenntnis, dass sie, die überall die Hand im Spiele hat, die in das Gebiet anderer Wissenschaften, in so viele Verhältnisse des ganzen grossen Weltgetriebes eingreift, nichts weniger ist als eine abgeschlossene Welt für sich mit eigenartigem aus mystischen Zeichen und Formeln bestehenden Inhalt, der, um verstanden zu werden, in ent- sprechend eigenartiger Weise angelegte Naturen erfordere, im übrigen aber jeder weiter- gehenden Bedeutung entbefre, dass man es vielmehr mit einer wahren, edlen, grossen Wissen- schaft zu thun hat, in die jedermann Einblick haben kann und haben sollte.

Wenn man nun einen derartigen Stoff zum Gegenstand der Behandlung wählt, so geht man doch von der Überzeugung aus, dass er von einem gewissen wertvollen Gehalte sei, der im Wissenschatze der Gebildeten nicht fehlen dürfe, dass er, weil die mannigfachsten Interessen berührend, in vorzüglicher Weise geeignet sei, anregend, packend und dadurch nach ver- schiedenen Richtungen hin belehrend zu wirken. Warum wollte man aber solchen Stoff, den der Fachmann im Interesse der Förderung allgemeiner Bildung der Menschheit zuzuführen das Bedürfnis fühlt, der aber auf diesem Wege in nur sehr unvollkommener Gestalt übermittelt werden kann, gerade von derjenigen Stätte fernhalten, an der allein dies gründlich und damit erfolgreich geschehen kann, von der höheren Schule, da diese ja doch gerade den Zweck ver- folgt, den man in den beregten Fällen im Auge hat?

In der That, es ist ein kostbares, herrliches Material, das uns die Mathematik er- schliesst oder das wenigstens ihr in irgend einer Weise sich anschliesst, das zum schönen, würdigen und in höchstem Masse zweckentsprechenden Inhalt des Unterrichts werden könnte; und mit Rücksicht darauf muss es für uns als Grundsatz gelten: Die Mathematik ist auf unsern Lehranstalten, ganz vorzugsweise auf dem Gymnasium, so zu betreiben, dass sie mehr als Mittel zu einem weiteren und höheren Zweck angesehen und behandelt wird, dem nämlich, unter ihrer Führung alle diejenigen Verhältnisse in Natur- und Menschen- leben, die auf sie sich gründen und nur durch sie verstanden werden können, die so zahlreich und wissenschaftlich wie praktisch von höchstem Interesse sind, deren Kenntnis demnach auch als zu einer voll- ständigen allgemeinen Bildung notwendig erscheinen muss, näher erkennen und so ein für Gegenwart wie Vergangenheit vollkommeneres Ver- ständnis gewinnen zu lassen, als dies seither der Fall sein konnte. Nur dadurch kann unser Fach die rechte bildende Kraft erlangen, kann das Verständnis für diese Wissenschaft und ihre kulturelle Bedeutung zu einem Gemeingut für alle Gebildeten werden, kann allen ein reicher, unschätzbarer Gewinn aus den verschiedenen andern Wissensgebieten zuteil werden, der ihnen ohne Hilfe der Mathematik vorenthalten bleiben muss.

Der gute Erfolg wird aber nur bei gemeinsamem Vorgehen sicher sein und darum wäre es nötig, dass alle Fachgenossen dem oben ausgesprochenen Gedanken, der in der mathe- matischen Lehrerwelt bereits eifrige Vertreter gefunden hat, sich anschliessen, und derselbe dadurch allgemein zum leitenden Prinzip des gesamten mathematischen Unterrichts erhoben werde. Dies wünschen im Interresse der guten Sache alle diejenigen, die ihn bereits zur Richt-