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der Anwendung?... Sätze oder ganze Theorien, welche ohne alle Bedeutung für praktische Anwendungen sind, müssen jedenfalls solchen von prak- tischem Werte nachstehen. Aber wie traurig sieht es hierin in manchen mathe- matischen Schriften aus. Man klettert sozusagen über Formelhaufen... man wandert durch die Wüste reintheoretischer Erörterungen, sehnsüchtig ausschauend nach einer Oase, in der man am frischen Quell der Praxis seinen lechzenden Durst nach einer Anwendung der Theorie stillen könne.“ Solche Verbältnisse, die sich doch notwendig in ähnlicher Weise auf die Schule übertragen müssen, erklären wol vieles.
Hier scheint uns in der That die Hauptstelle zu sein, von der aus am gründlichsten zu helfen wäre, hier mangelt dem sonst so schönen Organismus ein wesentlicher Teil, dessen Fehlen die dadurch berührten Verhältnisse in der ungünstigsten Weise beeinflusst, an dessen Eingliederung allen, die mit ganzem Herzen bei der Sache sind, gelegen sein muss. Dies möge jedoch nicht dahin verstanden werden, als ob die Hochschule ihren Charakter als Hauptver- treterin der Wissenschaft und ihres Fortschrittes, als Pflanzstätte echter, wissenschaftlicher Forschung aufgeben sollte, es handelt sich vielmehr nur um den gewiss berechtigten Wunsch, dass sie auch der andern ihr als Schule obliegenden Aufgabe möglichst gerecht zu werden suche: alles zur Ausbildung eines wissenschaftlichen Lehrers Erforderliche nicht nur über- haupt, sondern so zu übermitteln, dass die Empfänger in der ihnen selbst später zu entfaltenden
Thätigkeit zur rechten Erfüllung der— und zwar von der Hochschule selbst nicht in letzter Linie— gestellten Forderungen den möglichst erfolgreichen Gebrauch von dem erworbenen
Besitze zu machen in der Lage sind; d. h. es darf den mathematischen Formen eine Füllung nicht fehlen, die so reichlich aus allen andern Gebieten ohne Ausnahme zu ge- winnen und dem Lernenden nahe zu legen ist, im Interesse der innigen Verschmelzung und damit der gegenseitigen Befruchtung der verschiedenen Wissensgebiete. Es ist dem künf- tigen Lehrer der Mathematik zu zeigen, wie es möglich ist, diesen Unterricht so zu betreiben, dass der Schüler sich nicht innerhalb einer ihn verwirrenden. weil ihm vielfach noch ganz unverständlichen und dementsprechend für ihn überaus monotonen Welt voll Figuren und Zahlen mit ihren bezüglichen Sätzen und Formeln sieht, sondern sich vielmehr auf fröhlicher Wanderung durch freundliche Gefilde, durch das weite Reich der irdischen und ausserirdischen Natur, durch Länder und Völker begriffen glaubt, überall etwas vorfindend, was sein Interesse fesselt, was das Herz erfreut und ihn den Gedanken vergessen lässt, ein wie„gräulich lang- weiliges, trockenes“ Ding die Mathematik doch sei. Hiermit soll aber nicht etwa den Uni- versitätslehrern selbst ein Vorwurf gemacht, sondern ein Mangel des Systems gekennzeichnet werden. Wenn jedoch umgekehrt von Hochschullehrern, wie das vielfach geschehen, Klagen laut werden über die Geringwertigkeit des Schülermaterials, das ihnen aus unsern Mittel- schulen, vorzugsweise aus dem Gymnasium zugeführt werde, so scheint uns das ebenso wenig angebracht, da sich doch der Grad der Berechtigung zu solchen Klagen gerade von jener Seite aus dem oben Gesagten ermessen lässt.
Indessen wollen wir nicht unterlassen, hervorzuheben, dass mancher Universitätslehrer sich es hat angelegen sein lassen, das Verhältnis der Mathematik zu andern Gebieten zu be- handeln und zu beleuchten, sei es in Schriften, sei es in Vorträgen, wie dies aber auch im höhern Schulfach stehende Männer ebenfalls gethan haben; und zwar geschah dies teils im Zuschnitt für möglichst weite Kreise der gebildeten Welt, zu ihrer Aufklärung und Belehrung, teils für den engern derjenigen, denen als Näherstehenden die Sache unseres Faches ans Her⸗ gelegt werden sollte, die man überzeugen und für die Interessen des letztern erwärmen wollte. In diesem letztern Sinne ist wohl Schellbachs oben erwähnte Schrift in erster Linie aufzu-
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