— 8—
wieder neue um so glänzendere und reizvollere aus dem Boden, dem sie selbst ihr Dasein ver- dankten, erstehen lassen. In ähnlicher Wechselwirkung denken wir uns auch die Mathematik stehend mit der Welt aller sinnlichen und geistigen Dinge, und darum Beides untrennbar, wenn erstere den ihr thatsächlich innewohnenden Wert behalten, die letzteren durch ihre richtige Deutung mit Hilfe der Mathematik erst ihren vollen Wert für uns erhalten sollen.
Wie von dieser Auffassung auch der oben schon genannte hochverdiente Schulmann, Schellbach, durchdrungen war, dafür spricht in eindringlicher Weise sein oben erwähntes Schriftchen. Von anderer Seite wiederum hören wir unsern Gedanken vertreten mit den Worten:„Aber die Mathematik ist nicht um ihrer selbstwillen uns gegeben worden. nicht zum Privatvergnügen der dafür besonders begabten Männer als mathematischer Sinnen- kitzel...., sondern dafür, dass sie durchweg der gesamten Menschheit dienstbar werde. denn eben deshalb haben ihre Resultate für die Aussenwelt unbedingte Anwendbarkeit und Giltigkeit.“¹¹)
In gleichem Sinne lässt sich Prof. Buchbinder in Jena vernehmen, ²) indem er auf dem dortselbst tagenden Kongress von Lehrern der Mathematik und Naturwissenschaften u. A. sagt:„Welches nun auch das Ergebnis(der Kongressverhandlungen) sein wird, dessen dürfen wir uns versichert halten: Mathematik und Naturwissenschaften können im Unterricht der deutschen Jugend auf höheren Schulen nicht mehr zurückgedrängt werden, dazu sind sie in unserer Zeit zu einer zu gewaltigen Macht in allen Verzweigungen des öffentlichen und privaten Lebens geworden.— An uns aber ist es, festzustellen, welches Mass von Mathematik und Naturwissenschaft der Jugend unserer höheren Schulen darzu- bieten wir für nötig halten, indem wir dabei ebenso die Bedeutung dieser Wissen- schaften in der Jetztzeit, wie die Forderungen der Pädagogik zu berücksichtigen
haben.“ Wir möchten noch lieber sagen: indem wir,... um den Forderungen der Pädagogik in vollem Masse entsprechen zu können, in erster Linie die Be- deutung... zu berücksichtigen haben.
Wie wenig war aber bisher von dieser Auffassung in unserem Schulunterricht zu merken; und dass dies sich so verhält, ist ein deutliches Zeichen, wie wenig die Lehrerwelt selbst im allgemeinen von dem hohen Wert, den bestehenden innigen Zusammenhang der Mathematik mit andern Wissensgebieten für die Schule nutzbar zu machen, überzeugt oder von solcher UÜberzeugung, wenn sie auch im allgemeinen vorhanden, mit Rücksicht gerade auf die Schule durchdrungen war. Spricht doch dafür unsere gesamte seitherige mathematische Schulbuchlitteratur in nur zu deutlicher Weise. Fast durchweg ist ihre Signatur Behandlung möglichst abstrakten Stoffes, kaum eine Anwendung auf Verhältnisse in Natur und Leben. kaum einmal ein Hinweis auf Derartiges, nichts Belebendes, Anregendes, Fesselndes. Wenn wir weiter nach dem Grunde hierfür fragen, so wird man allerdings nicht umhin können zu behaupten, dass dieser Zustand zurückzuführen sein dürfte auf die Art der Ausbildung unserer Lehrkräfte und zwar in erster Linie auf der Hochschule.
Gerade auf diesen Punkt ist auch, und wol mit Recht, bereits mehrfach hingewiesen worden. Neuerdings erst hat es sich Hoffmann in seiner Zeitschrift ³) besonders angelegen sein lassen, ein anschauliches Bild davon zu entwerfen, wie in dieser Beziehung die Dinge liegen und wie sie im Interesse unserer Schule sein müssten. So sagt er u. A.(S. 584) sehr richtig;„Bieten nicht hier die angewandten mathematischen Wissenschaften: Geodäsie, Astro- nomie, Zeichnen, Physik, Ingenieur- und Bau-Mechanik, Versicherungstechnik ein weites Feld
¹) Hoffmanns Zeitschr. XXII, 54.
²2) Hoffmanns Zeitschr. XXI. 613. ³) XXIV, S. 418 ff. u. S. 574 ff.


