Aufsatz 
Der mathematische Unterricht in seiner Beziehung zu anderen Unterrichtsgebieten / von B. Biel
Entstehung
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7.

lichen Unterrichts, indem so beide einander dienstbar zu werden und sich gegenseitig zu be- fruchten imstande sind, freilich, wie auch Richter ausdrücklich hervorhob, unter Wahrung der vollen Selbständigkeit jedes der beiden Fächer, ihres strengwissenschaftlichen Charakters und damit der Bedingung, die zu einem gründlichen Betrieb in erster Linie erforderlich ist.

Ist der ganze Gedanke aber neu, ist einem Glücklichen erst heute eine plötzliche Erleuchtung gekommen? Wenn man dies sagen wollte, so hiesse das gewiss einem Teile insbesondere der älteren Fachgenossen zu nahe treten, von denen vielleicht mancher sagen wird:Ach, soll das etwas Neues sein? das habe ich schon lange so gemacht. Mag sein, aber darin allein liegt noch lange kein besonderes Verdienst; ein solches kann erst der für sich in Anspruch nehmen, der eine Sache, die er als wertvoll und nutzbringend erkannt hat, zu einem Gemeingut zu machen bestrebt ist und wirklich zu machen gewusst hat.

Nun ist ja thatsächlich das, was wir mit einer bereits stattlichen Anzahl anderer wollen. so naheliegend. dass man sich nur wundern kann, warum nicht schon vor langer Zeit ener- gischere Bestrebungen darauf gerichtet waren, dasselbe zur That werden zu lassen und gerade im Gymnasialunterricht in Anwendung zu bringen. Erinnern wir uns doch auch einmal, zu welchem Zweck eigentlich seiner Zeit der mathematische Unterricht in den Kreis der Lehr- fächer der alten Lateinschule eingereiht wurde! Man huldigte der gesunden Ansicht, dasszum vollkommenen Hofmann, der als Militär- und Zivilbeamter gleich verwendbar ist, auch die Kenntnis der modernen Wissenschaften gehöre, als: Mathematik, Physik mit Technologie und Fortifikationskunst, als der vornehmsten Verwendung der Mathematik ¹) und so kam es. dass die sogenanntengalanten Disziplinen ihren Einzug in die Schule hielten, die unter Vermittlung der Mathematik die Beziehungen zum wirklichen Leben herstellen und somit auch einen bestimmten sachlichen Bildungsinhalt gewähren sollten. Freilich war es ihnen vorerst nicht vergönnt, ein weiteres Feld zu gewinnen, zumal der in jener Zeit auftretende neuere Humanismus dafür sorgte, dass jene Fächer nur an einzelnen Anstalten gleichsam in stiller Zurückgezogen- heit ein kärgliches Dasein führten. Aber der Grundgedanke konnte durch keine Zeitströmung unterdrückt, höchstens nur auf eine andere Bahn geleitet werden; er hatte Lebensfähigkeit und bewies es dadurch, dass er schliesslich in einer andern Schulgattung, der Realschule, in erneuter Gestalt ins Leben trat.

. Wenn er nun auch in dieser Form, bei der noch eine Anzahl anderer Gesichtspunkte Berücksichtigung fand, für das Gymnasium nicht verwertbar erscheint, den guten Kern, in der rechten Weise für dessen Verhältnisse angepasst, müssen wir auch für dieses in Anspruch nehmen. Oder wollte man es mit Absicht unberücksichtigt lassen, dass die Mathematik doch ursprünglich nur eine Abstraktion ist von den Dingen und Erscheinungen, ein freilich unver- gleichliches Mittel zur genauen und sicheren Kenntnis derselben, dass diese selbst es aber doch sind und bleiben müssen, denen unser Hauptinteresse sich zuzuwenden hat? Von diesen nahm die Mathematik und nimmt sie immer noch ihren Ausgang, worauf auch Sigm. Günther in seiner Abhandlung:Erdkunde und Mathematik in ihren gegenseitigen Beziehungen nachdrücklich hinweist, nach diesen hin muss sie aber auch, nachdem sie durch den menschlichen Geist aus- gebaut und zur allseitigen Entfaltung gebracht ist, wieder zurückwirken, aufklärend und Neues erschliessend. Wir möchten sie vergleichen mit der Pflanze, die im Schooss der Erde keimt, dann emporgesprosst durch das Zuthun ausserhalb liegender Kräfte und Einwirkungen zu ihrer Entwicklung gelangt, um die, welche sie zogen und pflegten, mit herrlichen, köstlichen Früchten zu erfreuen, aber auch um ihrer Mutter Erde selbst wieder dienstbar zu werden, sei es, dass sie wührend ihres Bestehens bisher schlummernde Kräfte in ihr weckt oder durch ihr Vergehen den fruchtbaren Boden bereiten hilft für eine kommende Saat, so dass die untergegangenen Formen

¹) Paulsen, Gesch. des gelehrten Unterrichts S. 329.