Aufsatz 
Der mathematische Unterricht in seiner Beziehung zu anderen Unterrichtsgebieten / von B. Biel
Entstehung
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lichen Kernpunkt nicht hinreichend erkannt und scharf genug ins Auge gefasst zu haben. Da es aber nicht geschehen, von denen nicht geschehen, die als Nächstbeteiligte dazu berufen waren, von den den Lehrberuf ausübenden Männern, so trägt zum grössten Teil die Schule selbst die Schuld an den bestehenden Unvollkommenheiten, die sie auch nicht abzuwälzen vermag etwa auf die für ihre Gestaltung massgebenden Persönlichkeiten; denn diese sind ja selbst ihr Werk, wie sie von der Schule gebildet wurden, so suchen sie umgekehrt diese in der Regel wieder zu gestalten.

Um es also kurz zu sagen: Es muss sich im mathematischen Unterricht um einen ganz andern Inhalt handeln,, als er seither im Lehrplan vorgesehen und dem- gemäss bearbeitet wurde, einen Inhalt, der zunächst den oben erwähnten, bestimmt fixierten und auch heute noch bestehenden Forderungen in vollerem, reicherem Masse Genüge leistet, der aber noch die weitere unschätzbare Eigenschaft besitzt, anziehend und anregend zu wirken. Und findet sich dieser nicht gerade für die Mathematik in reichster, schönster Fülle vor in Natur und Leben, der in hohem Grade jene erforderlichen Eigenschaften besitzt, der die dem Schüler sotrockene, geschmacklose Speise würzt und geniessbar macht, so dass sie ihm zur gehaltreichen Nahrung und erquickenden Labung werden kann? Gerade dieser Ge- danke ist es nun auch, der durch die Berliner Konferenz endlich einmal nachdrücklicher betont wurde und dadurch eine wesentliche Förderung erfuhr, und man darf deshalb wol hoffen, dass er bestimmtere Gestalt annehmen, dass der Keim zur schönen, stattlichen Pflanze gedeihen werde, die herrliche Früchte zu tragen verspricht.

Ganz besonders ist dies auch in unserem neuesten hessischen Lehrplan zum Ausdruck gekommen. Während der von 1877 nirgends von Anwendungen spricht und in Prima als Krönung des Ganzen nurUbungen aus dem Gebiete der gesamten Mathematik vorschreibt, lässt der von 1884 anstelle von anderem reinmathematischen und zumal für ein Gymnasium gänzlich überflüssigen Ballast wenigstens zunächst die mathematische Geographie eintreten; der neueste endlich von 1893 geht noch einen wesentlichen Schritt weiter, indem er ausdrücklich bestimmt, dassder mathematische Unterricht in höherem Masse als bisher seinen Ubungsstoff dem Ge- biete der Naturwissenschaften und insbesondere der Physik zu entnehmen und namentlich gewisse reinmathematische Ableitungen mechanischer und physikalischer Sätze zur Weckung und Bethätigung des mathematischen Könnens zu verwerten hat.

Aber was noch wichtiger ist, in der mathematischen Lehrerwelt selbst regt es sich in bedeutsamer und erfreulicher Weise, und zwar vorzugsweise nach der uns hier besonders interessierenden Richtung. Den Anstoss dazu hat eben jene Bewegung auf dem höheren Schul- gebiet gegeben, und ist das der von uns als hochwichtig anzusehende mittelbare Erfolg der- selben, auf den eingangs hingewiesen wurde. Zum sichtbaren Ausdruck ist dies gelangt in dem Zusammenschluss der mathematischen Lehrerschaft zu einemVerein zur Förderung des Unterrichts in der Mathematik und den Naturwissenschaften, wodurch die Gelegenheit ge- schaffen ist, dass alle diesen Unterricht petreffenden Fragen eine gründliche Behandlung erfahren, und die Garantie geboten wird, dass gewisse Gedanken, wenn sie für gut und den Zweck fördernd befunden sind, auch nachdrücklicher vertreten werden, wozu sich noch das weitere Moment einer steten gegenseitigen und in stärkerem Masse sich geltend machenden Anregung gesellt. In der That hat der Verein bereits eine lebhafte Thätigkeit nach allen Richtungen entwickelt und ist auch dem hier hervorgehobenen Gedanken näher getreten, insofern als in dem bekannten Braunschweiger Beschluss derselbe als Grundsatz und somit als erste wichtigste Forderung aufgestellt wurde. Prof. Richter-Wandsbek hat das Verdienst, diese Angelegenheit in Fluss gebracht zu haben, zu einer wie wir fest überzeugt sind und mit Bestimmtheit hoffen wahren Förderung des mathematischen wie nicht minder des naturwissenschaft-