Aufsatz 
Der mathematische Unterricht in seiner Beziehung zu anderen Unterrichtsgebieten / von B. Biel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

nicht den Wert des mathematischen Unterrichts selbst in Frage ziehen oder gar negieren, wie es in obigen Fällen geschieht, sondern nur die geringen Erfolge beklagen, so sagen doch auch sie denen, die es überhaupt hören mögen, gerade genug.

Schellbach(a. a. O.) beklagt daskümmerliche Dasein, das die Mathematik auf den heutigen Schulen zu fristen genötigt sei, diegeringe Achtung, die sie geniesst und ver- kennt nicht dendiesen Umständen entsprechenden, geringen positiven Gewinn aus den mathematischen Lehrstunden.

Ein anderer Fach- und Schulmann ¹) lässt sich vernehmen:Trotz dieser Wichtigkeit der Mathematik ständen erfahrungsgemäss die Resultate, welche bei der Mehrzahl der Schüler erzielt werden, in einem nicht günstigen Verhältnis zu der aufgewandten Zeit und Mühe. Ja, bei einer grossen Zahl selbst Hochgebildeter unserer Nation stehe die Mathematik als Wissen- schaft in einem fragwürdigen Ansehen.

Weitere Kusserungen sind:

Die Mathematik ist für den grösseren Teil der Gymnasiasten kein Lieblingsfach, der angehende Ingenieur befasst sich mit ihr gewöhnlich nur deshalb, weil er eben muss.¹²)

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schüler, die in den übrigen Gegenständen gut waren, in der Mathematik es zu nichts bringen konnten.¹³)

Ebenso verbreitet sich Güssfeld ⁴4) über die Unzulänglichkeit der mathematischen Leistungen unserer Lehranstalten.

Diese Urteile, denen leider noch weitere hinzugefügt werden könnten, rühren her von Persönlichkeiten, bei denen man an Ernst und Gewissenhaftigkeit der Auffassung der Dinge nicht zweifeln kann, die in irgend einer Weise, zum Teil als Fachleute, dazu berufen waren bezw. noch sind, über jene mitzureden, deren Wort sicherlich wol erwogen ist und von andern ge- wogen wird, sodass ihre Zeugnisse gewiss ernst zu nehmen sind. UÜberdies, wer kennt nicht aus seiner Erfahrung in der eigenen Schulzeit die stehende Redensart:Ich habe keinen Sinn für Mathematik, und erinnert sich nicht, wie die Schüler dieses als schrecklich schwer und nur besonders Erleuchteten zugänglich verschrieene Fach sich geradezu als Schreckbild aus- und einander vormalten? Sind diese und ühnliche Kusserungen aber heute verstummt und machen wir nicht fortgesetzt die Erfahrung, wie gar mancher Schüler, dem es an Leistungs- fähigkeit nicht gebricht, dennoch den Erwartungen in der gewünschten Weise nicht entspricht, wie es bei vielen andern mangelt an reger, freudiger Beteiligung, alles Erscheinungen, die den Lehrer zum ernsten Nachdenken, zu unbefangener eingehender Prüfung des eignen Thuns auffordern müssen?

An der somit wohl unbestreitbaren Thatsache, einer wie wenig freundlichen allge- meinen Aufnahme die Mathematik begegnet, ändert auch nichts der Hinweis auf die hohe Entwicklung, zu der diese Wissenschaft als solche gediehen ist, auf die grosse Zahl begeisterter Anhänger, die weit zahlreicher als je zuvor sich ihr zugewendet haben und für die sie zum Hauptinhalt ihrer gesamten Lebensthätigkeit geworden ist. Handelt es sich doch für uns nicht um die Förderung einer verhältnismässig immerhin beschränkten Anzahl Auserwählter, sondern um die weit ausgedehnterer Kreise. Dass Letzteres aber bis jetzt in der gehofften Weise nicht erreicht worden ist, muss gerade darum um so auffallender erscheinen, weil die mathe- matische Wissenschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte einen so gewaltigen Aufschwung gewonnen hat, zugleich in allen ihren Zweigen den weitgehendsten Einfluss nach den ver-

¹) Diekmann in Hoffmanns Zeitschrift XX, 381.

²) Ebenda XXII, 538.

³)Verhandlungen über Fragen des höheren Unterrichts(Berliner Schulkonferenz) S. 262(Uhlhorn). ) Güssfeld, Die Erziehung der deutschen Jugend S. 105 ff.