Aufsatz 
Der mathematische Unterricht in seiner Beziehung zu anderen Unterrichtsgebieten / von B. Biel
Entstehung
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sowie aufgrund der Art, in der er demgemäss im Dienste der Schule seine Verwendung findet, keineswegs das leistet und leisten kann, was er an einer höheren Schule müsste und was er auch in Ansehung seiner ganz hervorragenden, aber bei weitem noch nicht allerseits genügend erkannten Fähigkeit, den Zwecken einer solchen Anstalt zu dienen, in Wirklichkeit zu bieten vermöchte. Woher wäre sonst die nicht wegzuleugnende Thatsache zu erklären, dass die Mathematik sich von jeher in einer eigentümlichen, wenig beneidenswerten Stellung nach verschiedenen Seiten hin befand? Ungenügend gewürdigt an massgebender Stelle wurde unsere Wissenschaft in eine Position gebracht, in der, wie nicht anders zu erwarten, sie nun- mehr auch seitens der weit überwiegenden Mehrzahl derjenigen, die mit ihr in Berührung kamen, sich keiner besonderen Wertschätzung und Zuneigung zu erfreuen hatte; vielmehr bestand hier von je ein Verhältnis kühlster Art, an dem leider auch eine längere Reihe von Jahrzehnten nichts sehr Wesentliches zu ändern vermocht hat. In ihrem wahren Wesen nicht erkannt, sogar gänzlich verkannt, ja gefürchtet von denen, die ihr eigentlich huldigen sollten, von den Zög- lingen unserer Schulen, stand sie seither da, unverstanden und darum auch unbeachtet von dem grössten Teil der gebildeten Welt, höchstens betrachtet alsein geistvoller Sport, der für das praktische Leben geringe oder gar keine Anwendung habe, der eine Welt für sich repräsentiere, die zur wirklichen in gar keiner Beziehung stehe.

Auch heute noch wird der Fachmann, mag er, überzeugt von dem hohen Werte seiner Wissenschaft, für diese noch so begeistert sein, wenn er vorurteilsfrei und unbefangen die Frage prüft, welche Erfolge der mathematische Unterricht überhaupt und ganz insbesondere an unserm humanistischen Gymnasium ¹) zu verzeichnen habe, schliesslich doch zu der allerdings recht niederdrückenden Überzeugung gelangen müssen, dass jene nicht besonders erfreulich genannt werden können.

Wenn uns schon das oben erwähnte, sehr deutlich zu Tage tretende Verhältnis als hinreichender Beweis hierfür gelten könnte, so wird diese leidige Thatsache noch bekräftigt durch direkt ausgesprochene Urteile, die uns darüber belehren, wie wenig Sympathie unser Fach sich im Laufe einer Zeit, die doch sicherlich vollkommen hingereicht haben müsste, um ein Wissensgebiet nicht nur im Lehrplane der Schule, sondern auch im Geistesleben von Generationen festere Wurzel fassen zu lassen, trotzdem bei Jung und Alt zu erwerben ge- wusst hat.

Besonders krasse Beispiele von Kundgebungen absprechender Art führt Schellbach an in seinem Schriftchen:Die Zukunft der Mathematik an unseren Gymnasien, wonach ein bekannter und in Schulangelegenheiten sogar an massgebender Stelle stehender Mann, Joh. Schulze, über den Wert der Mathematik als Unterrichtsfach sich dahin äusserte, dassin einer Zeile des Cornelius Nepos mehr Bildungstoff liege als in zwanzig mathematischen Formeln, während nach derselben Quelle ein Reichstagsabgeordneter sich zu der Auslassung verstieg:Die Mathematik sei in das Gymnasium nur eingeführt, um den Abiturienten das Zeugnis zu verderben, Urteile, wie sie härter, zumal von solcher d. h. berufener oder doch zum Mitreden berechtigter Seite ausgehend, nicht gedacht werden können. So sehr man auch geneigt sein mag, dieselben als geradezu unvernünftig zu bezeichnen und darum einfach un- beachtet zu lassen, so müssen sie uns doch immer wieder zu denken geben, wie es möglich war, dass Männer zu einer derartigen und gewiss ernstgemeinten Anschauung gelangen konnten.

Und leider sind dies auch nicht nur vereinzelte Erscheinungen von ungünstigen Ur- teilen, sondern es stehen ihnen ähnliche aus neuester Zeit zur Seite. Wenn diese nun auch

¹) Diese Anstalt haben wir in der Folge in erster Linie im Auge, wenn auch vieles für die übrigen Schul- gattungen zutreffend erscheint.