Aufsatz 
Proben aus einer Ovidübersetzung / Otto Altendorf
Entstehung
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Doch ſiehe, Niobe, aus einer Schar

Begleiterinnen ragend, kommt daher.

Sie ſtrahlt in golddurchwirktem phryg'ſchen

Kleide,

Obwohl der Zorn ſich auf dem Antlitz malt,

In hoher Schönheit. Plötzlich bleibt ſie ſtehen,

Unmutig ſchüttelt ſie das herrliche Haupt

Und Haar, das beide Schultern dicht umwallt,

Und wirft die ſtolzen Augen rings umher.

Was für ein Wahnſinn, ruft ſie, hoch ſich reckend,

Hat euch ergriffen, daß erträumte Götter

Ihr töricht ſichtbarn vorzuziehen wagt?

Was ehrt auf den Altären ihr Latona,

Wenn meine Gottheit ohne Weihrauch blieb?

. Hört, Tantalus, der hohe, iſt mein Vater,

Der einſt allein der Götter Tiſch geteilt, Und der Plejaden Schweſter meine Mutter, Großvater iſt der rieſ'ge Atlas mir,

Der auf dem Nacken trägt die Himmelsachſe,

. Und Juppiter der andre; ſeine Tochter

Darf ich mich nennen auch vom Gatten her. Mich fürchten Phrygiens Völker, mir gehorcht Die Königsburg des Kadmus, und die Mauern, Gefügt vom Saitenſpiel des Gatten, werden Zuſamt dem Volk von mir und ihm beherrſcht. Wohin ich immer meine Augen richte, Glänzt des Palaſtes Reichtum mir entgegen, Und aus des Hauſes Schätzen ſtrahl' ich ſelber, Den Göttern ebenbürtig an Geſtalt, Hervor und neben mir der Töchter ſieben Und ſieben Söhne, bald auch Schwiegerſöhne Und Schwiegertöchter. Nun fragt noch, welchen Grund zum Stolz ich . habe, Nun wagt es noch, die Tochter eines Köus Mir vorzuziehen, der einſt der große Erdkreis Ein Plätzchen zum Gebären ſelbſt verſagte. Denn nicht der Himmel, nicht die Erde nahm Noch auch das Waſſer eure Göttin auf. Geächtet irrte ſie die Welt hindurch, Bis Delos zu ihr ſprach:Du irrſt auf Erden, Ich auf den Wogen heimatlos umher, Und mitleidsvoll den ſchwanken Boden gab, Wo flüchtig ſie die Zwillinge gebar. Von zweien Kindern ward und blieb ſie Mutter,

. Ich aber habe ſiebenmal ſo viele.

Wer will es leugnen, daß ich glücklich bin, Und daß ich's bleibe, wer will es bezweifeln? Das übermaß des Glückes macht mich ſicher. Ich bin zu groß, als daß mich ſtürzen könnte Das Schickſal. Ja, geſetzt es nähme mir Selbſt vieles weg, ſo wird mir mehr noch bleiben. Erhaben ſteht mein Glück ob jeder Furcht.

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Denkt euch von meiner reichen Kinderſchar Selbſt einen Teil hinweg, ſo werd' ich nimmer Doch ſo beraubt, daß mir nur zweie bleiben, Und das iſt der Latona ganze Schar,

Die kaum ſich Mutter nennen dürfte. Geht! Genug der frommen Andacht, ja zuviel!

Legt von den Haaren ab des Lorbeers Schmuck! Sie folgen dem Gebot der Königin,

Verlaſſen ſcheu die angefangnen Opfer

Und beten, was ſie nicht verbieten kann,

Zur Gottheit nur mit ſchweigendem Gemurmel.

Erzürnt ſpricht auf des Kynthos höchſtem Gipfel Darauf die Göttin zu dem Zwillingspaar: Seht eure Mutter, ſtolz auf ihre Kinder,

Die keiner Göttin willens iſt zu weichen.

Man wagt es meine Gottheit anzuzweifeln; Man wird verſagen mir die heil'gen Opfer, Für immer vom Altare mich verdrängen, Wenn ihr es nicht verhindert, teure Kinder. Doch das iſt nicht mein einz'ger Schmerz, o nein, Der Tantalidin hat ſo frevle Tat

Noch nicht genügt, beſudelt hat ſie mich

Mit Schmähungen dazu, und euch hat ſie

Die eignen Kinder vorzuziehn gewagt,

Ja, mir den Namen Mutter frech verſagt, Was auf ſie ſelber fallen ſoll zurück.

So hat ſie, wie ihr Vater einſt, vermeſſen

Die zügelloſe Zunge gehen laſſen! 1 Halt ein! ſpricht Phöbus zur erzürnten Mutter, Als ſie noch Bitten zu den Worten fügt, Verzögre nicht durch überflüſſ'ge Worte

Der Klage die Beſtrafung ſolchen Frevels! Diana ſtimmt dem Bruder zornig bei,

Und ſchnell erreichen ſie, gehüllt in Wolken, Im Fluge durch die Luft des Kadmus Burg.

Nah bei den Mauern lag ein flaches Feld, Des harte Scholle unter Huf und Rädern Zerſchroten war zu glatter, weicher Fläche, Weithin ſich dehnend, wo das ſchnelle Roß

Zu tummeln pflegte Thebens ſtarke Jugend. Zwei von den ſieben Söhnen des Amphion Beſteigen dort die mut'gen Roſſe, ſchwingen Sich auf den Purpur herrlicher Satteldecken Und greifen nach den goldbeſchwerten Zügeln. Ismenos, einſt die erſte Leibesbürde

Der ſtolzen Mutter, lenkt den Lauf des Tieres In den gewohnten Kreis der weiten Bahn, Da, während er das ſchäumende Gebiß

Des Roſſes zügelt, ſchreit er plötzlich auf,

Und mitten in der Bruſt trägt er den Pfeil. Die Zügel gleiten aus der toten Hand,

Und ſeitwärts ſinkend, fällt der Sterbende