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Am rechten Vorderbug hinab zur Erde.
Sobald der zweite, Sipylus, vernommen
Den Klang des Köchers durch die leere Luft, Läßt er zur Flucht dem Pferd die Zügel ſchießen. Gleichwie der Steuermann, wenn er die Wolke, Die ſturmverkündende, beſorgt geſehen,
Die aufgerollten Segel fallen läßt,
So ließ auch er dem Pferd die Zügel ſchießen. Jedoch das unentrinnbare Geſchoß
Des Gottes holt ihn ein, und zitternd hängt Der Pfeil in ſeinem Nacken, aus der Gurgel Entſetzlich ragt hervor ſein fühllos Eiſen.
Er wälzt ſich vorwärts über Hals und Mähne Des flücht'gen Tieres, und den trocknen Boden Befeuchtet er mit ſeinem warmen Blute.
Zwei andre, Phädimus und Tantalus,’
Der Erbe des großväterlichen Namens,
Sie waren, als ſie das gewohnte Tagwerk Vollendet, zu der jugendlichen Arbeit
Der ölgeſalbten Ringer froh geſchritten.
Schon hatten ſie im Ringkampf Bruſt an Bruſt Gepreßt in feſteſter Umſchlingung, da Durchbohrt, geſchleudert von geſpannter Sehne, Der Pfeil die beiden, wie ſie ſich umſchlungen. Aufſeufzen ſie zugleich, zu Boden ſinken Zugleich die ſchmerzgekrümmten Glieder hin, Zugleich verſenden ſie die letzten Blicke, Ausatmen ſie zugleich den letzten Hauch.
Alphenor ſieht es, und im Schmerz die Bruſt Zerfleiſchend, eilt er hin, die kalten Leiber
. Der toten Brüder liebend aufzuheben.
Und während er genügt der frommen Pflicht, Zerreißt des Deliers rödliches Geſchoß
Das Zwerchſell ihm und ſtürzt auch ihn zu Boden. Als er das Eiſen aus der Wunde zieht,
Reißt einen Teil der Lunge er heraus.
Ein Blutſtrom ſtürzt hervor, und mit dem Blute Strömt auch ſein Leben in die Luft hinaus.
Den Damaſichthon, den noch ungeſchornen
Sohn Niobes, fällt eine Doppelwunde.
Er war getroffen an dem Unterſchenkel,
Da, wo des Kniees flechſenreiche Kehle
Die weiche Höhlung bildet des Gelenkes,
Und während er das tödliche Geſchoß
Herauszuziehen ſucht mit ſeiner Hand,
Durchdringt den Hals ihm ganz ein zweiter Pfeil.
Den ſtößt der Schwall des Blutes aus der Wunde,
Es dringt mit Macht heraus und ſpritzt empor
Und bohrt in weitem Sprung ſich durch die Luft.
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Ilioneus, der letzte von den Söhnen,
Die Arme zum vergeblichen Gebet
Zum Himmel hebend, hatte ausgerufen: „Euch, Götter, alle ruf' ich insgeſamt,
O, ſchonet mein!“ Der Tor! Er wußte nicht, Daß er nicht alle hätte bitten ſollen.
Und doch war Phöbus von dem Ruf gerührt; Wenn auch der Schuß nicht rückzurufen war, Ließ er ihn ſterben doch an leichter Wunde. Der Todespfeil traf obenhin ſein Herz
Und nahm ihm ſchmerzlos augenblicks das Leben.
Der Ruf des Unglücks und des Volkes Klage, Die Tränen der Verwandten machten ſicher Die Mutter von dem gräßlichen Geſchehnis, Die halb verwundert, halb erzürnt zuerſt Nicht glauben wollte, daß ſo Ungeheures
Die Himmliſchen gewagt, daß ſo viel Recht Sie hätten; denn Amphion auch, der Vater, Hatte die Bruſt ſich mit dem Schwert durchſtoßen, Um mit dem Leben ſeinen Schmerz zu enden. Wie anders, ach, ſah dieſe Niobe
Als jene aus, die von den brennenden Altären erſt das Volk vertrieben hatte,
Im Glück den Freunden ſelbſt beneidenswert, Doch jetzt— bejammernswürdig ſelbſt dem Feind. Im Schmerz wirft ſie ſich auf die kalten Leiber, Verteilt den toten Söhnen ohne Ordnung
Die letzten Küſſe, und von ihren Leichen
Zum Himmel hebend die gerung'nen Hände, Ruft ſie:„Nun weide dich an meinem Schmerz, Latona; ſättige dein wildes Herz,
Du grauſige; denn über ſieben Leichen
Wank' ich nun auch zum Grabe. Juble, du, Und triumphiere, Feindin, deines Siegs!— Doch warum Sieg? In meinem Unglüch bleibt Mir dennoch mehr als dir in deinem Glück. Trotz dieſer Leichen bin ich Siegerin!“
So ſprach ſie, und von dem geſpannten Bogen Ertönt' die Sehne ſchrill, ein Schreckenston Für alle, Niobe allein blieb trotzig.
In ſchwarzen Kleidern, aufgelöſten Haaren Standen die Schweſtern vor der Brüder Baren. Die erſte, die ſich grade niederbeugte,
Um das im Eingeweide ihres Bruders
Noch haftende Geſchoß herauszuziehn,
Sank ſterbend über ſeine Leiche hin.
Die zweite, die die Mutter tröſten wollte
In ihrem Mißgeſchick, verſtummte plötzlich Und, von Dianas unſichtbarem Pfeil Getroffen, krümmte ſich im Tod zuſammen. Die ſtürzt zuſammen auf unnützer Flucht
Und jene ſtirbt auf ihrer toten Schweſter,


