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Beilage zum Programm des Großherzoglich Beſſiſchen Gymnaſiums zu Gießen für das Jahr 1902/03.
Proben aus einer Ovidüberſetzung
von.
Oberlehrer Otto Hltendorf.
Lykaon, Die Flut, Deukalion und Pyrrha.
(Ov. Met.
Lrkaon.
Als Juppiter von ſeiner hohen Burg
Die Sünden ſah des menſchlichen Geſchlechts, Da ſeufzt er auf, und des noch nicht bekannten Abſcheulichen Verbrechens des Lykaon
. Gedenkend, faßt gewalt'ger Zorn ſein Herz.
Er lädt die Götter ein zur Ratsverſammlung, Und alle eilen, dem Gebot zu folgen.
Auf hoher Himmelsſtraße— deutlich ſichtbar Am heit'ren Himmel iſt ihr weißer Schimmer, Milchſtraße heißt ſie— ſchreiten zu der Burg Des großen Donnerers die Götter hin.
Dort ſtehen vorn am Wege die Paläſte
Der mächtigen und hohen Himmelsfürſten, Zur Rechten und zur Linken laden gaſtlich
.Die off'nen Türen ein zur prächt'gen Halle.
Die Schar der niedren Götter wohnt getrennt. Dies iſt der Ort, den ich, wenn es erlaubt, Die Kaiſerburg des Himmels möchte nennen.
Schon ſaßen ſie in marmornem Gemach, Er ſelbſt auf hohem Throne und geſtützt Auf ſeines Zepters glänzend Elfenbein,
Da ſchüttelt er unwillig dreimal, viermal Sein ſchrecklich Haar, und es erbebt das All. Dann öffnet ſo er den empörten Mund:
.„Nicht war ich mehr beſorgt um unſre Herrſchaft
In jener Zeit, da der Giganten Schar
Zu ſtürmen ſuchte den bedrängten Himmel. Wild war der Feind, doch war es nur ein Stamm, Nur eine Körperſchaft, die ihn bedrohte.
Doch jetzo gilt's dem menſchlichen Geſchlechte. Soweit den Erdkreis Nereus rings umtoſt,
I, 165— 415.)
Soll es vernichtet werden. Bei dem Waſſer, Das in der Unterwelt im ſtyg'ſchen Haine Dahinſchleicht, ſchwör' ich euch: Ich habe alles Verſucht, zu beſſern die Entarteten. Drum was unheilbar iſt der treuen Pflege, Muß abgehauen werden mit dem Schwert, Daß nicht ein heiles Glied ergriffen werde. Uns dienen Nymphen, Faunen und Silvanen, Halbgötter des Geſildes und der Berge. Da wir des Himmels ſie nicht wert erachtet, Soll doch die Erde friedlich ihnen bleiben. Und glaubt ihr, Götter, dieſe frei und ſicher, Wenn mich, der ich den Blitz, ja der ich euch . Beſitze und regiere, anzutaſten
Lykaon wagt, der ruchlos wilde Frevler?“
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Auf ſolche Worte fordern tief empört
Und dringend alle Götter die Beſtrafung
Des Schuldigen. Nicht mehr entſetzt ſtand einſt
Der Erdkreis da und ſchaudert' ob der Tat,
Als die verruchte Rotte wütete
Im Blute Cäſars und den röm'ſchen Namen
Zu tilgen drohte mit des Herrſchers Leben.
Auch dir, Auguſtus, iſt nicht minder treu
. Dein Volk ergeben, als dem hohen Vater Die Götter ſind.— Drauf winkt er mit der Hand, Und es verſtummt ſogleich das laute Murren.
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„Der hat die Strafe“, alfo fuhr er fort,
„Die er verdient, der Sorge ſeid ihr ledig. Doch, daß ihr wißt, was ſein Verbrechen war, Und was die Strafe, hört mich weiter an! Vernommen hatt' ich von der Menſchen Treiben, Und in der Hoffnung, daß ich falſch gehört,
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