Aufsatz 
Proben aus einer Ovidübersetzung / Otto Altendorf
Entstehung
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Stieg ich vom hoh'n Olymp herab zur Erde, In menſchlicher Geſtalt ſie zu durchwandern. Doch wie viel Sünde fand ich überall!

Die Wahrheit ließ noch weit den üblen Ruf, Der mir zum Ohr gekommen, hinter ſich.

Den Mänalus, in dem das grimm'ge Wild In furchtbarem Verſteck gefährlich lauert,

Und die Kyllene und den Fichtenwald

Des froſtigen Lykäus überſteig' ich

Und trete dann in des Arkadiers Haus,

Des Wüt'richs, als die ſpäte Dämmerung

Die Nacht verkündet. Man erkennt mich bald, Und fromm beginnt das Volk mich anzubeten. Da lacht Lykaon frech der gläub'gen Menge. Verſuchen will ich, ruft er,und die Probe Wird keinen Zweifel an der Wahrheit laſſen, Ob dies ein Gott iſt, ob ein Sterblicher! Und rüſtet ſich mich nachts zu überfallen,

Zu morden mich in ahnungsloſem Schlummer. Dies war die Probe, die er blutig ſann.

Doch nicht genug damit: Hinſchlachtet er

Vom Stamme der Moloſſer einen Geiſel, Durchſchneidet ihm die Kehle mit dem Meſſer Und kocht in heißem Waſſer teils die Glieder, Teils röſtet er ſie in der Glut des Feuers. Doch kaum bringt er das ekle Mahl zu Tiſch, Da ſchleudre ich den Racheſtrahl des Blitzes, Und werfe nieder der Behauſung Dach

Auf die des Herren würdigen Penaten. Erſchreckt entflieht Lykaon ſelbſt, erreicht

In kalter Angſt die ſchweigenden Gefilde. Laut heult er auf. Sein Schrecken ſucht vergebens In Worten Luft, die Sprache ſtockt im Hals. Zum Rachen wird der Mund, von ſeinem Herrn Nimmt er die Mordgier an; er wendet ſich Aufs Vieh und ſchwelgt im Blut, wie einſt, ſo jetzt. Ein Pelz wird ſein Gewand, die Arme Beine, Er wird ein Wolf, und manche Spuren zeigt er Auch ſo noch ſeiner früheren Geſtalt:

Das graue Haar, die wilde Miene ſind

Die nämlichen, dieſelben Augen funkeln.

. Er iſt der Wildheit Abbild, das er war.

So fiel ein Haus, doch nicht das eine bloß War wert des Falls. Soweit die Erde reicht, Herrſcht unter Menſchen Sünd' und Frevel nur. Man ſollte meinen, daß ſie aufs Verbrechen Geſchworen hätten. Feſt drum iſt's beſchloſſen, Die Strafe ſoll ſie treffen ihres Tuns!

Die Flut.

Dem Vater ſtimmen alle Götter bei. Die einen ſpornen noch den Zürnenden Zur Rache an mit tief empörten Worten,

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Die andern geben nur durch lauten Beifall Die Meinung kund. Nur ſchmerzt ſie alle ſehr Der Untergang des menſchlichen Geſchlechts. Was ſoll aus der verwaiſten Erde werden? So fragen ſie beſorgt.Soll ſie als Beute Den wilden Tieren überlaſſen bleiben?

Und wer ſoll künftig fromme Opfer bringen, Mit Weihrauchſpenden nahen den Altären? Doch bald beruhigt Juppiter die Götter, Zerſtreuet ihre ſorgenden Bedenken,

Und einen Nachwuchs wunderbaren Urſprungs Verheißt er, ungleich ſeinen ſünd'gen Ahnen.

Und ſchon ſchickt er ſich an, die ganze Erde Mit ſeinen wilden Blitzen zu beſtreuen,

Da fürchtet er, es möchte von dem Feuer Der heil'ge Äther und die Himmelsachſe Vielleicht ergriffen werden und verbrennen. Denn ſtand es nicht in alten Schickſalsſprüchen, Die Stunde werde kommen, wo das Meer, Die Erde und die hohe Himmelsburg

In Brand gerate und der ganzen Welt Kunſtvoller Bau im Feuer untergehe?

So legt er die Geſchoſſe denn beiſeite, Verfertigt von den Händen der Kyklopen, Und eine andre Strafe ſcheint ihm gut: Gewalt'ge Regengüſſe aus dem Himmel Will er ergießen und in ihren Waſſern Ertränken das Geſchlecht der Sterblichen.

Drum ſchließt er ein den Nord in Äols Höhle Und alle andren Winde, die die Wolken Verſcheuchen. Drauf entfeſſelt er den Süd. Der fliegt hervor mit ſeinen feuchten Schwingen, Pechſchwarze Nacht bedeckt ſein ſchrecklich Antlitz, Sein Bart iſt ſchwer von Näſſe, Waſſer rinnt Vom grauen Haar, es lagern düſtre Nebel Auf ſeiner Stirne, und die bauſch'gen Falten Des Kleides triefen und ſein ſchwer Gefieder. Und wenn er mit den Händen das Gewölk, Das weithin hängende, zuſammendrückt, Entſteht ein Donnerkrachen, und vom Himmel Ergießen ſich die dichten Waſſermaſſen.

Die Botin Junos, Iris, bunt gekleidet,

Führt ſtets den Wolken neue Nahrung zu. Am Boden liegt die Saat, am Boden liegt Des Landmanns Hoffnung, eines langen Jahres Mühvolle Arbeit ging vergebens unter.

Doch nicht zufrieden iſt der Zorn des Gottes Mit den Gewäſſern ſeines Himmels, nein, Ihn unterſtützt des blaugelockten Bruders Hilfreiche Flut. Zuſammen ruft Neptun