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Die Flüſſe, und ſobald des Herren Dach Gehorſam ſie betreten, ſpricht er ſo:
„Nicht Zeit zu langer Mahnung iſt es jetzt. Laßt ſtrömen eure Waſſermaſſen, öffnet
Die Quellen, ſchwemmt die Uferdämme fort Und laßt den Fluten ihren freien Lauf!“
Sie kehren heim und löſen ihren Waſſern
Die Zügel, und aus ihren Quellen brechen Mit wildem Ungeſtüme ſie hervor
Und ſtürzen ſich verheerend zu dem Meer. Neptunus ſelbſt erſchüttert mit dem Dreizack Die Erde und eröffnet neue Bahnen
Den wild zum Lichte ſtrömenden Gewäſſern. Die Flüſſe treten bald aus dem gewohnten Geleis und ſtürmen über weite Felder,
Die Saat, die Bäume, Vieh zugleich und Menſchen Und Häuſer mit ſich reißend, nicht Altäre Verſchonend noch die heil'gen Hauskapellen. Vermag es auch ein Haus, dem Sturm des Waſſers Zu widerſteh'n, und bleibt es ungeſtürzt,
So deckt doch bald die höhre Flut den Giebel. Verſenkt im Abgrund liegen ſelbſt die Türme.
Schon war nicht mehr geſchieden Land und Waſſer. Ein einz'ges Meer, dem ſelbſt die Ufer fehlten, Bedeckte alles. Ach, vergebens eilt
Zum Berg hinan der eine, ſich zu retten.
Ein andrer ſitzet im gekrümmten Kahne
Und führt die Ruder, wo er neulich pflügte. Hoch über ſeinem AOckerland fährt jener
Und ſtreift den Giebel des verſenkten Hauſes. Der fängt den Fiſch in einer Ulme Zweigen Und wirft den Anker auf die grüne Wieſe, Und jener ſtößt mit dem gekrümmten Kiel, Wenn es der Zufall ſchickt, auf ſeinen Weinberg. Und wo die ſchlanken Zicklein munter graſten, Dort ſtrecken ihre ungeſchlachten Leiber Seehunde jetzt behaglich ruhend aus. Verwundert ſchaun des Nereus Töchter Haine Und Städte, Häuſer in des Waſſers Tiefe. Delphine ſchwimmen durch die dunklen Wälder
. Und rennen ans Geäſt und an die Stämme.
Der Wolf ſchwimmt zwiſchen Schafen. Gelbe Löwen Die Woge trägt, es trägt die Woge auch Den Tiger, und dem Eber nützt nichts mehr Des Hauers Stärke noch die ſchnellen Beine Dem Hirſch, der hintreibt auf der großen Flut. Lang irrend ſchaut der Vogel aus nach Land, Wo ihm vergönnt zu ruhen ſei, und endlich Fällt er mit matten Schwingen in das Meer. Die Hügel ſind vom wilden Sturm der Waſſer Verſchlungen, und die Gipfel ſelbſt der Berge, Der höchſten, peitſchen nie geſehne Fluten.
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Deukalion und Pyrrha.
Aonien trennte vom ötäiſchen
Gefilde Phokiens fruchtbar Land, ſolang
Es Land noch war, doch damals war's ein Teil Des Meers und eine breite Waſſerfläche.
Dort ſtrebt ein ſteiler Berg zu den Geſtirnen Mit zweien Spitzen, und es überragen
Die hohen Wolken ſeine öden Gipfel. Parnaſſus heißt er. Dort im kleinen Kahn,
. Denn alles andre lag im Meer begraben,
Blieb mit der treuen Ehgenoſſin
Deukalion hängen und entrann dem Tod.
Sie ſtiegen aus, und fromm verehrten ſie Des Waldes Nymphen und des Berges Götter Und Themis auch, die ſchickſalskündende.
Kein andrer Mann war beſſer und gerechter Und gottesfürcht'ger keine andre Frau.
Sobald nun Juppiter den Erdkreis ſah Weithin bedeckt mit ungeheuren Fluten
Und von ſo vielen Tauſenden nur einen
Und von ſo vielen Tauſenden nur eine
Dem Tod entronnen, beide makellos,
Verehrer beide göttlicher Gewalt,
Zerſtreut er das Gewölk, befiehlt dem Nord Die Wolken zu verſcheuchen, Erd' und Himmel Zeigt er nach langer Friſt einander wieder. Schon läßt auch nach des Meeres Wut.— Neptun Legt weg den Dreizack, und den blauen Triton, Der aus der Tiefe hebt die ſtarken Schultern,
. Bedeckt mit Purpurmuſcheln, ruft er her
Und heißt ihn blaſen auf dem Muſchelhorn, Zurückzurufen Flut und Flüſſe wieder. Der nimmt das hohle und gewundne Horn, Das von der erſten Windung wächſt ins Breite, Das Horn, das in des Meeres Mitte tönend Die Küſte füllt mit Schall nach Oſt und Weſt. Auch damals, als das Horn des Gottes Mund, Den triefenden vom naſſen Bart, berührte, Und ſchmetternd rief zum Rückzug die Gewäſſer, Ward es gehört von allen Meeresfluten Sowie des Landes, und die es gehört, Die alle zügelten des Waſſers Wut. Die Fluten ſenkten ſich, die Hügel ſchienen Emporzuwachſen. Schon hat ſein Geſtade Das Meer zurück, das Flußbett faßt die Flüſſe. Es ſteigt der Boden, die Gefilde wachſen Allmählich aus den weichenden Gewäſſern. Nach langer Zeit zeigt wieder frei vom Waſſer Der Wald die noch vom Schlamm beſchmutzten Wipfel.
Zurückgegeben war die Erde wieder. Doch als Deukalion die Ode ſah,


