Aufsatz 
Proben aus einer Ovidübersetzung / Otto Altendorf
Entstehung
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Und wie um ihn ein tiefes Schweigen rings Auf den verlaſſ'nen Fluren ſchaurig lag, Da ſprach er unter Tränen zur Gemahlin:

.O Schweſter, Ehgemahl und einz'ge Frau, Die übrig blieb, o du, in deren Adern

Verwandtes Blut der gleichen Abkunft rinnt,

Und die mit mir der Ehebund verband

Und jetzt das gleiche Schickſal auch verbindet,

. Soweit du blickſt nach Untergang und Aufgang, Sind wir allein auf Erden; alles andre 1

Iſt von der Flut verſchlungen. Ja, auch wir

Sind unſres Lebens noch nicht ſicher ganz;

Noch jetzt erſchreckt der wolkenſchwere Himmel.

Wie müßte dir, Bejammernswürdige,

Wenn ohne mich dem Tode du entronnen,

Zu Mute ſein? Wie würdeſt du allein

Die Furcht ertragen können, und wer würde Dich tröſten ohne mich in deinem Schmerz?

5. Denn ich, das glaube mir, wenn dich das Meer

Verſchlungen hätte, teuerſte Gemahlin,

Ich würde folgen dir ins naſſe Grab.

O, daß ich doch mit väterlichen Künſten

Die toten Völker neu beleben könnte

Und Atem geben der geformten Erde!

Nun ſind wir zwei das ganze ſterbliche

Geſchlecht, ſo wollten es die hohen Götter,

Und bleiben des Geſchlechtes letzte Sproſſen!

So ſprach er, und ſie weinten. Dann beſchloſſen Sie anzuflehn in ihrer Not die Themis

Und hilfeſuchend ihren Schritt zu lenken

Hin zu des Orts geheiligtem Orakel.

Und ohne Säumen eilten ſie zuſammen

Zu des Kephiſos Waſſern, die zwar trüb, Doch ſchon im alten Bette wieder floſſen. Und als ſie dort Gewand und Haupt genäßt Mit ſeinen Fluten, ſchritten ſie vereint

Zum Tempel der verehrten Göttin hin,

Des hohen Giebel häßlich Moos bedeckte,

. Und deſſen Altar ohne Feuer ſtand.

Sobald des Tempels Stufen ſie berührten, Fromm fielen beide nieder, küßten beide,

Am Boden liegend, furchtſam das Geſtein. O wenn, ſo ſprachen ſie,gerechten Bitten Die Götter gnädig ihre Ohren neigen,

Wenn nicht ihr Zorn unbeugſam unſerm Flehen, So ſage, Themis, uns: Mit welcher Kunſt Läßt ſich der Menſchen in der Flut verſunk'nes Geſchlecht erneuern? Hilf uns, Gnädigſte,

315. Und rate uns in unſerm großen Unglück!

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Gerührt gab Themis dieſen Schickſalsſpruch: Verlaßt das Heiligtum, verhüllt das Haupt, Löſt das gegürtete Gewand und werfet

Der großen Mutter Beine hinter euch!

Lang ſtaunten ſie, dann bricht zuerſt das 1 t Schweigen Pyrrha und weigert ſich dem Wort zu folgen. Nein, alſo bittet ſie mit zagem Munde,

Verzeih' mir, Göttin, doch verbietet mir

Die Scheu, die kindliche, durch ſolche Tat Der Mutter heil'gen Schatten zu verletzen! Dann wiederholen ſie die Rätſelworte, Gehüllt in ein geheimnisvolles Dunkel,

Und überlegen ſie ſich hin und wieder, Bis des Prometheus Sohn, der Epimethis.

. Voreil'ge Furcht verſcheuchend, alſo ſpricht:

Wenn mich mein Scharfſinn nicht betrügt, ſo ſind Der Götter Schickſalsſprüche fern von Frevel Und raten nimmer, was ſie ſelbſt verbieten. Die große Mutter iſt die Erde, alſo

Deut' ich der Göttin Spruch, und mit den Knochen Meint ſie die Steine in der Erde Körper,

Und dieſe rückwärts heißt ſie uns zu werfen.

Wohl überraſcht des Gatten Deutung Pyrrha Und gibt ihr neue Hoffnung, doch mißtrauen Noch beide bang dem göttlichen Gebot.

Was aber könnte ein Verſuch wohl ſchaden? Sie treten alſo aus dem Tempel, gürten Gehorſam ihre Kleider los und werfen

Die Steine rückwärts mit verhülltem Antlitz. Und diewer würd' es glauben, wenn das Alter Der Sage ihre Wahrheit nicht bezeugte? Begannen ihre Härte abzulegen,

Sich langſam zu erweichen und geſtalten. Bald wuchſen ſie empor, und mildre Formen Erhielten ſie, ſchon ſah man Menſchenleiber Undeutlich noch, ganz ähnlich angefang'nen,

Unfert'gen, halb behau'nen Marmorbildern.

Doch was an ihnen feucht war oder erdig, Das wandelte zu Fleiſch und Blut ſich um, Was feſt und nicht zu biegen, ward zu Knochen, Wo eine Ader war, blieb ſie erhalten.

So nahmen durch der Götter Willen bald Die Steine, die des Mannes Hand geworfen, Geſtalt der Männer an, und von dem Wurf Des Weibes wurde neu das Weib geſchaffen. Seitdem iſt hart das menſchliche Geſchlecht Und zäh im Lebenskampf, und manches Zeugnis Gibt es, aus welchem Stoff es einſt geboren.