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Phaéthon.
9(Ov. Met. I, 742 bis II, 528.)
Verehrt wird Jo allenthalben jetzt
Im Land Agypten von der Prieſterſchar, Und endlich glaubt man auch, daß Epaphus, Ihr Sohn, dem edlen Samen Juppiters
. Entſproſſen ſei, und Tempel und Altäre
Gemeinſam mit der Mutter baut man ihm.— An Stolz und Jahren gleich war Phasthon, Der Sohn des Sonnengotts. Als der einmal Sich ſeines göttlichen Geſchlechtes rühmte
Und ſich dem Sohne Juppiters verglich,
Rief dieſer zornig aus:„Du eitler Tor,
Der du den Märchen Deiner Mutter glaubſt Und dich am Bild erlogner Abkunft blähſt!“ Errötend unterdrückte Phaëthon
.Aus Scham den Ausbruch ſeines jähen Zornes
Und eilte zu der Mutter Klymene,
Erzählte ihr, wie Epaphus geſchmäht,
Und rief:„Nicht trag' ich die Beſchämung, Mutter!
Ich, der ich frei das Wort zu führen pflegte,
Ich mußte zornig ſchweigen. Schmach und Schande,
Daß dies man unverwieſen ſagen konnte!
O, bin ich wirklich von den Stamm der Götter,
So gib mir, Mutter, ſicheren Beweis
Und rette mir den Ruhm des edlen Blutes!“
5. So ſprach er und umſchlang mit ſeinen Händen
Der Mutter Hals, und bei dem Haupt des Merops Beſchwor er ſie und bei den Hochzeitsfackeln Der Schweſtern, ihm die Wahrheit zu eröffnen. Doch Klymene, von ihres Sohnes Bitten Nicht weniger erregt als von dem Zorn
Ob der Beſchimpfung, die ihr widerfahren, Erhob die Arme auf zum klaren Himmel
Und ſprach, empor zum Licht der Sonne blickend: „Bei dieſem Lichtglanz blitzend heller Strahlen, Der hier uns ſieht und hört, ſchwör' ich dir, Sohn, Daß er, den du erblickſt, er, der den Erdkreis Beherrſcht mit ſeinem Licht, dein Vater iſt.
Er ſelbſt ſoll ſich auf ewig mir entziehen,
Und dieſer Blick, er ſoll mein letzter ſein, Wenn ich dir unwahr rede.— Doch nicht groß Iſt dir die Müh' den Vater ſelbſt zu hören, Geh hin zu ſeiner Burg, aus der er morgens Ausfährt, ſie iſt nicht fern von unſerm Land Und frag' ihn ſelber, wenn das Herz dich treibt.“
Sofort ſpringt Phaëthon nach dieſen Worten Der Mutter froh empor. Die Luſt ergreift ihn Zu ſeines Vaters himmliſcher Behauſung
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Zu ſteigen. Er durchwandert das Gebiet Der Äthiopier und fernen Inder,
Das unter heißen Sonnengluten liegt, Und ſchreitet rüſtig gegen Oſten zu.
Die Burg des Sonnengottes ſteigt empor Auf hohen Säulen, flammenähnlicher Pyrop und blitzend Gold erſtrahlt von ihr,
. Hellleuchtend Elfenbein bedeckt den Giebel,
Es glänzt das Doppeltor vom Licht des Silbers. Jedoch die Kunſt der Arbeit an dem Tore,
Das Mulliiber geſchaffen, übertrifft
Noch weit den Wert des Stoffs, aus dem er's ſchuf. Dort ſieht das Meer man in erhabner Arbeit, Wie es ſich um die Länder ſchlingt, den Erdkreis Sowie des Himmels weite Wölbung drüber. Im Meere ſind die grünen Waſſergötter, Triton mit ſeinem Muſchelhorn und Proteus,
. Der vielgeſtaltige, Agäon auch,
Wie er ſich mit den Armen an dem Rücken Der ungeheuren Wale hält, die Doris
Mit ihren Töchtern. Einige von dieſen
Sieht man im Waſſer ſchwimmen, andre
Die grünen Haare an dem Ufer trocknen, Noch andre Fiſche reiten; ähnlich ſind ſie
In ihrem Ausſehn, aber auch verſchieden,
So wie es ſich geziemt am Bild von Schweſtern. Das Land trägt Männer, Städte, Wälder, Tiere
. Und Flüſſe, Nymphen und die andern Götter
Der Felder und der Fluren. Über ihm Erglänzt des weiten Himmels funkelnd Bild, Sechs Sternenbilder blitzen auf dem rechten, Gleichviele auf dem linken Toresflügel.
Schon war auf ſteilem Pfad hierher gelangt Der Sohn der Klymene, und ſchon betrat er Die Burg des Vaters, des bezweifelten,
Da lenkt' er ohne Säumen ſeine Schritte Zu ſeinem Antlitz. Aber fern von ihm,
. Geblendet von dem Lichtglanz, blieb er ſtehen.
Gehüllt in Purpur ſaß auf ſeinem Thron, Der von Smaragden leuchtete, der Gott.
Zur Rechten und zur Linken ſtand von ihm Der Tag, der Monat, Jahre und Jahrhundert, Die Stunden, aufgeſtellt in gleichen Räumen, Der junge Frühling mit dem Blumenkranz, Der nackte Sommer mit dem Ahrenband,
Der Herbſt, beſpritzt vom Saft getretner Trauben, Der eiſ'ge Winter mit zerzauſtem Haar.


