Aufsatz 
Proben aus einer Ovidübersetzung / Otto Altendorf
Entstehung
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Und Sol in ihrer Mitte ſieht den Jüngling Mit ſeinen Augen, denen nichts entgeht,

Wie er die Wunder des Palaſts beſtaunt, Und ſpricht:Was treibt dich, Phasthon, zu mir? Was ſuchſt du hier auf meiner Burg, o Sohn, Den ich, der Vater, nicht verleugnen werde? O du, der ganzen Welt gemeinſam Licht, Entgegnet jener,Phöbus, du mein Vater, Wenn du mir denn geſtatteſt dieſes Wort, Und Klymene nicht hinter falſchem Märchen Die eigne Schuld betrügeriſch verhüllt,

Gib mir ein Pfand, o Vater, das erweiſt, Daß ich in Wahrheit deines Blutes bin,

Und nimm des Zweifels Qualen meinem Geiſte!

So ſprach er; doch der Vater legte nieder Vom Haupt den blitzend hellen Strahlenkranz Und hieß ihn nah an ihn heranzutreten. Sodann umarmt' er ihn und ſprach:Fürwahr, Nicht du verdienſt es, daß ich dich verleugne, Und Klymene, die Mutter, ſprach die Wahrheit. Doch daß ich deinen Zweifel ganz zerſtreue, Erfleh' dir ein beliebiges Geſchenk,

Du ſollſt's aus dieſer meiner Hand erhalten. Zum Zeugen des Verſprechens ruf' ich an Den Fluß der Unterwelt, bei dem wir ſchwören, Den Styx, der meinem Blick verborgen fließt.

Kaum war mit dieſen Worten er zu Ende, So fordert auch der Sohn für einen Tag Den Sonnnenwagen und das Recht, zu lenken Die flügelfüß'gen Roſſe ſeines Vaters.

. Und der, den Schwur bereuend, ſchüttelt dreimal

Und viermal traurig ſein erhabnes Haupt Und ſpricht:Der Leichtſinn deines Wortes macht Das meine unklug. Könnt' ich mein Verſprechen Doch widerrufen! Ich geſteh' es, Sohn,

Dies eine möcht' ich gerne dir verſagen.

Doch abzuraten iſt mir nicht verwehrt.

So höre denn: Gefährlich iſt dein Wunſch. Um Großes bitteſt du, mein Phasthon, Gewachſem ſolchem Amt iſt nicht dein Alter Noch deine Kraft. Dein Los iſt das der Menſchen, Und übermenſchliches willſt du beſitzen.

In deinem Wahn verlangſt du gar noch mehr, Als was den Göttern zu berühren ziemt. Mag jedem ſeine eigne Macht gefallen,

Doch keiner von den Göttern außer mir Vermöcht's zu ſtehen auf der Feuerachſe.

Ja, ſelbſt der Herr auf des Olympus Höhen, Der mit der Hand die wilden Blitze ſchleudert, Er könnte nicht den Sonnenwagen lenken. Und was gibt's Höheres als Juppiter?

Steil führt hinauf zuerſt die Sonnenbahn,

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Auf der ſich morgens kaum mit friſchen Kräften Die Roſſe mühevoll emporarbeiten,

Erreicht in Himmels Mitte ſeine Höhe,

Wo mich ſogar ein Schwindel oft befällt,

Und wo die Bruſt von ſcheuer Furcht erzittert, Wenn ich auf Meer' und Länder niederſchaue, Und fällt zuletzt in jähem Sturz hinab,

Der ſichre Lenkung doppelt nötig macht; Schon ſo pflegt Tethys, die mich in den Wogen Des Meers empfängt, allabendlich zu zittern, Ich möchte ſamt dem Wagen niederſtürzen.

Bedenke weiter, daß in ſteter Drehung

Sich wälzt der Himmel und die hohen Sterne In ſchnellem Wirbel mit ſich weiter reißt. Grad'aus empor geht meine Bahn, mich zieht Nicht mit ſich fort der ungeſtüme Schwung, Und ſeiner Wälzung fahre ich entgegen.

Denk' dir, dir ſei der Wagen übergeben,

Was wirſt du tun? Wirſt du's vermögen auch Zu widerſtehn dem allgemeinen Zug,

Und wird dich nicht die ſchnelle Himmelsachſe Mitziehn in ihre reißende Bewegung?

Vielleicht denkſt du, du werdeſt auf der Fahrt Viel Wunderbares ſehen: Haine, Städte

Und Göttertempel, reich an Weihgeſchenken. Du irrſt, Geſtalten wilder Tiere lauern, Verſteckt im Hinterhalt, auf deinen Weg. Geſetzt, du hältſt dich auf der rechten Bahn, Und keine Irrung zieht dich von ihr ab,

So wirrſt du fahren durch die drohnden Hörner Des Stieres, durch den Bogen des Kentauren Vorbei am Rachen auch des wilden Löwen, An dem Skorpion, der ſeine grauſen Scheren Im weiten Bogen krümmt, und an dem Krebſe, Der mit der gleichen Waffe dich bedroht.

Und du verſtehſt es nicht, die Sonnenroſſe

Zu zügeln, die beſeelt ſind von dem Feuer, Das in der Bruſt ſie tragen, das ſie ſchnaubend Auswehen aus dem Maul und aus den Nüſtern. Sind ſie vom Feuer ihres Muts ergriffen, Dann dulden ſie kaum mich als ihren Herrn, Dem Zügel widerſtrebt der wilde Nacken.

Drum hüte dich und ändre deinen Wunſch, Mein Sohn; du zwingſt mich ſonſt zu werden Der Geber eines tödlichen Geſchenkes.

Du willſt ein ſichres Wahrheitspfand von mir Dafür, daß du von meinem Blute biſt.

Iſt dir mein Fürchten nicht Beweis genug? Zeigt nicht die Sorge mich als deinen Vater? Sieh hier mein ſchmerzerfülltes Angeſicht,