Aufsatz 
Proben aus einer Ovidübersetzung / Otto Altendorf
Entstehung
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O, könnteſt du einſchaun in meine Bruſt

Und drinnen ſehn die väterliche Angſt!

Blick um nach allen Schätzen dieſer Welt

Und fordre eines von den Gütern allen

Des Himmels und der Erde und des Meeres,

Ich werde dir's gewißlich nicht verweigern.

Nur dieſes eine, bitt' ich, wünſche nicht,

Das eine Strafe iſt und kein Geſchenk.

Hör', eine Strafe willſt du zum Geſchenk.

Was hältſt du ſchmeichelnd meinen Hals um⸗ ſchlungen,

Verblendeter, und ſchauſt mich bittend an?

Dein Wunſch wird, zweifle nicht, von mir gewährt,

Geſchworen iſt's ja bei den ſtyg'ſchen Fluten.

Was immer du begehrſt, du wirſt es haben,

Doch bitt' ich dich, triff eine klügre Wahl!

Zu Ende war der Gott mit ſeiner Warnung, Jedoch der Sohn läßt ungehört die Worte, Beſteht auf ſeinem Wunſch und brennt vor Gier,

. Den goldnen Sonnenwagen zu beſteigen.

Noch immer zögert der betrübte Vater,

Doch endlich muß er ihn zum Wagen führen, Dem Werk Vulkans. Von Golde war die Achſe, Die Deichſel golden, golden auch die Krümmung Des Rads, aus dem der Speichen Silber glänzte; In langen Reihen blitzten Edelſteine

Am Joch und warfen helle Strahlen wieder. Und während dies der hochgemute Jüngling Bewundert und das hohe Werk betrachtet, Sieh, da eröffnet ſchon im roten Oſten

Das Purpurtor die frühe Morgenröte

Und zeigt der Welt des Gottes roſ'ge Halle. Die Sterne fliehen. Lueifer beſchließt

Den Zug, verläßt zuletzt den Himmelspoſten. Sobald er den zur Erde eilen ſieht,

Und wie die Welt vom frühen Licht ſich rötet, Und Lunas Sicheln nach und nach verblaſſen, Befiehlt der Sonnengott den ſchnellen Stunden Die Feuerroſſe an das Joch zu binden. Gehorſam dem Befehle holen ſie

Die Tiere flugs von ihren hohen Krippen, Wo ſie ſich ſätt'gen an Ambroſia,

Und legen an das klirrende Gebiß

Den feuerſchnaubenden. Dann näßt der Vater Das Antlitz Phaëthons mit heil'ger Salbe, Um es zu ſtärken gegen Glut und Hitze,

Setzt ihm darauf den Strahlenkranz aufs Haupt, Und Unheil ahnend holt er tiefe Seufzer

Aus der gequälten Bruſt hervor und ſpricht:

.So höre wenigſtens, ſofern du's kannſt,

Auf dieſe Mahnung deines Vaters, Knabe: Die Geißel ſchone, brauche mehr die Zügel,

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. Des Rades ſehn.

Sie eilen ſelbſt dahin, und Mühe iſt's Zu bänd'gen ihren übergroßen Eifer. Nimm nicht den Weg grad' aus durch alle Zonen, In weiter Krümmung führt er quer am Himmel, Begnügt mit dreien Zonen ſich und meidet Den Südpol und den Bären in dem Norden. Hier ſei dein Weg. Die Spuren wirſt du deutlich Und daß mit gleicher Wärme Den Himmel du beſtrahleſt und die Erde, Nimm nicht zu tief die Bahn, noch lenke du Den Wagen oben durch den Äther hin. Fährſt du zu hoch, wirſt du der Götter Häuſer Verbrennen, wenn zu tief, der Erde Flächen. Drum ſollſt du fahren in der rechten Mitte. Auch laß dich nicht nach rechts hin nach der Schlange Ablenken noch nach links zu dem Altar, Nein, zwiſchen beiden halte deinen Wagen. Dem Glück vertrau' ich alles andre an, Das dich beſchützen, für dich ſorgen möge, So wünſch' ich, beſſer, als du ſelbſt es kannſt. Sieh, da ich ſpreche, hat die feuchte Nacht Ihr Ziel erreicht am weſtlichen Geſtade. Nicht zu verweilen iſt uns mehr erlaubt. Man fordert uns. Aurora hat das Dunkel Verſcheucht und ſtrahlt am morgendlichenHimmel. Ergreife mit der Hand die Zügel nun! Nein, wenn dein Herz noch umzuſtimmen iſt,

. Nimm meine Warnung, nicht den Wagen an,

Solang du's noch vermagſt, ſolang du noch Auf feſtem Boden ſtehſt und nicht den Wagen, Den töricht du zum eigenen Verderben Gewünſcht, mit deinem Fuß betreten haſt.

Laß mich das Sonnenlicht der Erde ſpenden, Auf daß auch du es ohne Fährnis ſchaueſt!

Doch jener ſchwingt den jugendlichen Leib Zum Wagen leicht empor, er ſteht darauf, Und als er mit der Hand die Zügel faßt,

. Strahlt er vor Freude, dankt dem traurigen Vater,

Der nichts von ſolchem Danke wiſſen will. Eous, Athon, Phlegon, Pyrois,

Die Flügelroſſe Sols, erfüllen ſchon

Die Luft mit flammenſprühendem Gewieher Und ſchlagen mit den Füßen an die Schranken. Als dieſe Tethys, die des Enkels Schickſal Nicht ahnt, hinwegzieht vor den ungeduld'gen Und ihnen freie Bahn gibt in die Weite,

Da ſtürmen ſie mit Ungeſtüm hinaus,

. Durchſchneiden, mit dem Fuß die Lüfte ſchlagend,

Die dichten Nebel, die ſie rings umlagern, Und heben ſich empor mit dem Gefieder

Und überholen ſelbſt im Lauf den Eurus, Der aufgebrochen iſt vom gleichen Platze.